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Was gerade mit der Politik und dem Internet schief läuft – oder: Generationswechsel, bitte

Ich entschuldige mich an dieser Stelle bereits für einen äußerst langen, polemischen und semi-strukturierten Text über … Politik! Bitte haltet durch, ich komme am Ende zu einem bahnbrechenden Schluss!
Politik, ne?
Find ich ja unsexy. Blöd. Langweilig. Und sowieso.
Da fehlt mir die Ahnung – das ist mir alles viel zu kompliziert. Außerdem wirkt das immer so fern. Packt man das zusammen, dann wird Politik noch langweiliger, ich habe noch weniger Lust, mich damit zu beschäftigen – und es wird noch langweiliger. Ein Teufelskreis. Das heißt, eher eine Teufelsspirale mit negativer Tendenz.
Aber letztendlich war’s 24 Jahre meines Lebens lang nicht so wild. »Da oben«1 wurde entschieden und man selbst bekam das mit, was man davon verstand (oder eben nicht) und… manches war ok, vieles so naja und einiges nicht so. Aber immer war es doch irgendwie begründet und selbst wenn »nicht so«, dann doch noch nachvollziehbar.

Aber dann ist irgendwo auf der Welt irgendetwas passiert. Der Webstuhl des Schicksals ist umgefallen. Und hat dabei einen Schmetterling in Australien angestoßen, der zusammen mit Asthon Kutcher in China einen Sack Reis gepunk’ed hat. Oder jemand hat alle Groschen, die bisher gefallen waren, wieder aufgehoben und zum Mond, zur Sonne oder zu beidem, jedenfalls möglichst weit weg vom Boden, geschickt.

Anders kann ich mir nicht erklären, mit welcher gesammelten Idiotie da auf einmal am Rad gedreht wird2.
Die folgenden Ereignisse sind nicht ganz chronologisch richtig. Sie sind anhand eines äußerst komplexen Schlüssels geordnet, in den u.a. subjektive Warhnehmung, Zeitdilatation, Loch-Ness-Monster, Übersichtlichkeit, stilistischer Klimaxaufbau und eine seltene, südmalaysische Pfeffersorte einspielen.

Alles fing damit an, dass das schwedische Gericht die Jungs von The Pirate Bay tatsächlich verurteilte. Das ist schließlich ganz objektiv ziemlicher Schwachsinn3, besonders wenn man die ganzen Unzulänglichkeiten während des Verfahrens von der Gegenseite in Betracht zieht. Die Revision ist angekündigt, Verschwörungsrufe schallen besonders laut, scheint doch der zuständige Richter mit der Contentindustrie in einem Boot zu fischen.
Gut, das Ganze ist nicht in Deutschland passiert, interessiert mich also nur in meiner Funktion als dauerhaften Internetbenutzer und (utopischen?) Hoffer auf ein modernes Urberheberrecht und Urheberrechtsverständnis.

Dann spekulieren aber auch in Deutschland ein paar Superhirne darüber, die im Ausland so toll angenommene und angekommene4 Three-Strikes-Regel auch hier einzuführen. Wer diese Regel noch nicht kennt: Wenn man gegen das Urheberrecht verstößt, wird man drei Mal darum gebeten, das sein zu lassen. Danach wird einem der Zugang zum Internet verboten und abgeschaltet. Wirklich wahr! Die Musik- und Filmindustrie, im Internet ja mittlerweile liebevoll Contentmafia genannt, tourt mit dieser Three-Strikes-Regel gerade durch sämtliche Staaten dieser Welt und versucht sie mehr oder minder erfolgreich unterzubringen. Wenn man sich näher mit den Vorschlägen beschäftigt, dann wird es nur noch surealer und bescheuerter – ich möchte das wegen akuter Herzinfarktgefahr an dieser Stelle nicht machen.
Hier haben es die Grünen5 glücklicherweise rechtzeitig geschafft, in einer EU-Regelung eine Three-Strike-Klausel herauszunehmen und das dort beschriebene Grundrecht auf Internet ohne Sternchen zu lassen. Der Vorschlag nach einer deutschen Three-Strikes-Regelung wird also aller Voraussicht nach von dem eu-weiten Gesetz getrumpft.
Trotzdem: Wer auf so eine Idee kommt…!

… der kommt noch auf Einige mehr.
Deutschen Politiker steigern sich auf der Bescheuertheitsskala6 nochmal. Sie fordern eine freiwillige, vom BKA nicht-öffentlich verwaltete Internetzensur der Deutschen Provider ein. Sie wollen den Zugang zu kinderpornogrpahischen Webseiten sperren.
So ein crap! Wer sich diesen Mist besorgen will, der lässt sich doch nicht von einer billigen, provider-DNS-Server-abhängigen Sperre abbringen?! Und selbst das Argument, dass Leute abgeschreckt und abgewehrt werden, die sich »nur mal eben so« oder »zum Einstieg« mit Kinderpornographie beschäftigen, zieht nicht. Denn auch hier: wer sich diesen kranken Schwachsinn ansehen will, kann das auch weiterhin!
Es wird durch diese Zensur eine äußerst gefährliche Technik geschaffen, die beliebig missbraucht werden kann. Erste Rufe, den Zugang zu Webseiten zu zensieren, die Möglichkeit bieten, Raubkopien herunterzuladen, sind bereits zu hören lesen gewesen7.
Eine Zensur des Internets setzt Deutschland, dieses schmucke und so moderne Land, auf eine Stufe zu China, wo ebenfalls der Staatsapparat bestimmt, welche Inhalte der Bürger im Internet anschauen darf. YouTube gehört nicht dazu. Könnt ihr euch das vorstellen? Die wunderbaren Stunden voller Musik, Humor, Kreativität und wasauchnoch, die ihr bereits mit YouTube verbracht habt – einfach, zack, weg?!
Dass eine Zensur explizit laut unseres Grundgesetztes in Deutschland NICHT, und ich wiederhole, vielleicht ist ja gerade ein lauter Zug oder eine brüllen Gewerkschaftsdemo vorbeikommen, NICHT stattfindet, möchte ich gar nicht allzu lange erläutern. Mit der freiwilligen Selbstzensur8 wird zum Brechen des Grundgesetzes aufgerufen. Ziemlich tolle Angelegenheit, oder?
Obwohl ich, der ich den aller größten Großteil meiner großteiligen Freizeit im Internet verbringe, noch NIE, ich wiederhole, ihr wisst schon, der Zug und so, NIE auf eine Kinderpornoseite gestoßen bin, denke ich, dass man etwas gegen Kinderpornographie unternehmen muss – so wie gegen alles Schlechte, Menschenwürdeverletzende! Wenn allein das Geld, der Elan und das geflossene Herzblut dieser ganzen bescheuerten Internetzensurgeschichte dafür eingesetzt würde, die Verursacher ausfindig zu machen, dann wären wir doch schon mal einen Schritt weiter vorne. Wie es scheint sind der Regierung Kinderpornographieseiten ja bekannt – wieso sie also nicht vom Netz nehmen? Das Argument, dass die Rechtslage in ausländischen Gebieten anders aussieht, zählt nicht: Tut sie nämlich nicht. In so gut wie jedem Land dieser unserer Lieblingserde ist Kinderpornographie verboten!

Also nochmal in kurz: Kinderpornographie ist das Allerletzte, schrecklich und muss verfolgt werden. Aber: Internetzensur ist schlecht! Weil: Gegen Grundgesetz (mehrfach sogar), unwirksam9 und eine äußerst gefährliche Technik.
Mehr, detaillierter, beidseitig- und objektiver – und vor allen Dingen fachlicher gibt es eine Argumentediskussion im Wiki gegen Netzzensur.

Dieses Thema hat es immerhin geschafft, dass ich zum esten Mal politisch aktiv wurde und eine Petition unterzeichnet habe10. Bitte tut es mir gleich, auch wenn die für eine Anhörung notwendigen Unterzeichnungen bereits nach vier Tagen erreicht waren. Je mehr, desto besserst.

In einer ersten (gedanklichen) Version dieses Artikel stand hier noch etwas über die Unsinnigkeit des Paintballverbots. Es läuft jemand Amok? Oh, da müssen wir etwas machen: Wie wäre es damit, hm, Paintball zu verbieten?11
Natürlich wird da auf Menschen geschossen. Im Spiel! Mit Farbpatronen! Man kämpft sportlich gegeneinander. Ich denke, wenn man alt genug ist, Farbkügelchen von Patronenhülsen zu unterscheiden, in all seinen moralischen Facetten, dann kann man auch Paintball spielen12. Um sicher zu gehen, legen wir auf dieses Alter noch 12 Jahre drauf und sind bei 18. Paintball ab 18 halte ich für eine kluge Sache.
Aber zum Glück brauche ich das nicht weiter ausformulieren. Weil: Ist ja eh vom Tisch. War wiedermal nur so eine dumme Sache, die man als Politiker eben zwischendurch mal mit seiner Partei herausposaunt. BEVOR man überhaupt festgestellt hat, ob Paintball gefährlich ist13.

All das ist doch bescheuert, oder?
So bescheuert und realitätsfern, wie könnte ich auf etwas anders, als auf eine Verschwörung tippen?!
In einer äußerst geheimen Sitzung des Deutschen Bundestags gemeinsam mit den Illuminaten wurde beschlossen, etwas gegen das Politikdesinteresse der Jugend zu unternehmen. Das muss es sein!
Aus einer Lostrommel wurde schließlich ausgewählt, mit welchen Mitteln das geschehen soll. Gefüllt wurde diese in den letzten 1000 Jahren von ein paar Affen. Oder so ähnlich. Klingt einleuchtend, oder?

Nein, im ernst.
Das kann doch alles nicht sein. Wie können so wichtige Personen so wenig Ahnung von der Materie haben, über die sie herumschwadronieren und -gesetzifizieren?
Es wird Zeit, dass junge Leute an die Macht kommen, für die Internet nicht dieses furchtbar komplizierte und böse Medium ist, mit dem Terroristen und Kinderpornographen Anschläge auf Plattenfirmen in Kinos planen.

Es wird Zeit für einen Generationswechsel.

Ich könnte ja noch so viel mehr anbringen zu den Themen. Aber mein Puls! Und meine Aufmerksamkeitsspanne!

  1. Was ja auch so eine schrecklich abgedroschene Wendung ist… []
  2. Und das Rad ist noch nicht mal rund! Nee! Das Rad hat Ecken, Kanten, eiert und ergibt wahrscheinlich erst im 18-Multidimensionalen einer höheren, außerirdischen Spezies Sinn. Oder Fruchtzwergen. []
  3. Das Internet funktioniert so nicht! Auch Google bietet ein Verzeichnis für Dateien. Aber das würde hier so weit führen… []
  4. NICHT! []
  5. AFAIK. []
  6. Auf der selbst Didi Hallervorden ganz weit unten ist! []
  7. Zu Faul zur Quellenangabe. []
  8. Freiwillig ist übrigens der lachhafteste Term in dieser ganzen Diskussion. Wie kann etwas freiwillig sein, wenn es jemand anders einfordert!? Für die (sinnvolle) FSK gilt übrigens gleiches… []
  9. Wenn nicht sogar gegenteilig wirksam: hat schonmal jemand darüber nachgedacht, dass eine Zensur der KiPo-Seiten dazu führt, dass sich KiPo-»Konsumenten« in geheimere Bereiche zurückziehen und sich so weniger identifizierbar machen? Nur ein noch nicht tiefgehender eruierter Gedanke. []
  10. …und dieses politische Posting veröffentlich habe. Unglaublich. []
  11. Jaja, ich weiß, dieser Teil ist hochgradig übertrieben und stammtischhaft. []
  12. Und sowieso: Schützenverein anyone? []
  13. Bitte jetzt die Hand von der Maus zur Stirn führen. Danke. []