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Vorweihnachtliche Gedanken zum Jahresende, zum Einkaufen und Internetplattformen

„Was haben diese Themen miteinander zu tun?“ – „Nichts!“. Egal. Nach Abschwächung und Selbstzensur des letzten Abschnitts einfach auf ‚Veröffentlichen‘ geklickt. Punk is dead. Not.
Der interessanteste Teil dieses Artikels befindet sich ebenfalls im letzten Abschnitt. Ich nehme Skippen der ersten beiden Abschnitte nicht übel. Wirklich.

“Aachen vor Weihnachten” steht ja bekanntlich im großen unalphabetisch geordneten Synonymlexikon direkt neben “Stress”. Die Innenstadt ist voller kleiner Buden, die sich unter dem Titel Weihnachtsmarkt angesammelt haben. Warum da die inexistente Gesellschaft der Deutschen Falschtitulierung (GDF) nicht einschreitet, müsste doch der Weihnachtsmarkt viel eher Fressmarkt heißen, ist mir schleierhaft. Für Kenner, Insider, Freizeitbespaßer und uns hat sich der Name Glühmarkt etabliert. Was könnte einen rationell denkenden Menschen auch anderes bewegen, die Füße über gekopfsteinte Pflaster zu führen als der Konsum traditionellen Glühweins. Korrekt: Nichts. Denn das aller schlimmste, noch viel schlimmer als Konsum, Materialismus, Nikolausmützen, Vermarktung des Weihnachtsfestes und all so etwas, das sind Menschen. Nicht allgemein, sondern speziell: die Menschen auf dem Weihnachtsmarkt. Die kommen in Aachen nämlich hordenweise in Reisebussen aus England, aus den Niederlanden, aus Belgien und mit Sicherheit auch aus Italien. Das führt dann zu verstopften Verkehrswegen, besonders für Autos und besonders zu Weihnachtsmarktendzeiten.
Alles nicht so toll. Besonders, wenn man zum Weihnachtsgeschenkeinkauf doch noch in tangentialer Art und Weise dem WeihnachtsFressGlühmarkt gefährlich nah kommt.

Zu gerade genannter Gelegenheit führte es mich dann auch in eine große, rote Elektronikmarktkette. Man übertrug mir die Verantwortung zur Besorgung einer CD eines lokalen Radiokomikers.
Ich stand also dort im Elektronikriesen, dort, vor meilenweit, bis zum Horizont reichenden Regalen voller viereckiger Plastikhüllen. Geordnet nach Genres und Anfangsbuchstaben. Die Regale der CDs im kontinuierlichen Übergang neben den Regalen der DVDs, der HD-DVDs, der Blue-Ray-Discs, der Weißichnichtwassonstnoch-Datenträger. Scheibe neben Scheibe. Cover an Cover.
Und auf einmal, da kam mir die Erleuchtung, wie einem Guru bei der Diagnostik des baldigen Dahinscheidens beim Handauflegen im Altersheim. Die Erleuchtung, warum Amazon so erfolgreich ist. Das Prinzip ist simpel. Und trotzdem wesentlich. Strg+f. AKA: Suchfunktion. Wie konnten Dekaden von Generationen von CD-Käufern bloß ohne Suchfunktion das analoge Leid des Plastikscheibenerwerben über sich ergehen lassen?
Unglaublich.

Auch unglaublich (Heute, reduziert und ganz billig: Übergänge!): StudiVZ. Immer mal wieder komme ich ja darauf zurück, was es so Neues aus den Forschungslabors des Berliner Waschmaschinenproduzenten gibt. Jetzt neu: AGB. Groß angekündigt wird eine Änderung der Allgemein Geschäfts Bedingungen. Alles darauf hin geschrieben, dass zukünftig personalisierte Werbung erlaubt ist. Das sind nicht alle Änderung, aber doch wohl die Wichtigsten. Erst wollte man das Versenden von Werbe-SMS auch hineinschreiben. Gab aber zuviel Widerstand. Hat man sein gelassen.
Also gibt’s jetzt ’nur‘ personalisierte Werbung aufgrund der Einträge bei Stadt und Studienrichtung (u.a.) im Benutzerprofil.

„So hat bei uns der Besitzer eine Pizzeria aus Aachen angefragt, ob er Werbung nur bei Aachener Studenten anzeigen kann“, sagt Hensen [heise.de vom 14.12.]

Und was ist daran so unglaublich? mag sich der geneigte Leser fragen, der sich tagtäglich über die lustigen Google Adwords am rechten Rand seiner Google-Suchanfragen wundert, der gerade im Studentenviertel noch an Plakatwerbung für die neuen Studententarife von Vodafone vorbeigelaufen ist. Der beim Anmelden für die letzte umsonst E-Mail-Adresse bei GMX einen Haufen Fragen nach Interessen und Hobbies beantworten musste. Der auf der Startseite von Amazon Bücher empfohlen bekommt, die zu ihm passen. Der bei iTunes in der Kategorie „Könnte ihnen gefallen“ browst. Unglaublich daran ist, dass es auf einmal Gallier gibt. Punks 2.0. Menschen, die irgendwie meinen, das, was der Waschmaschinenproduzent da macht, sei irgendwie auflehnungsbedürftig. Die nicht wahr haben wollen, dass der lustige 4-Millionen-Nutzer-große Schuppen da doch nur an Gewinn und Gewinnmaximierung interessiert ist. Es außerdem voll blöde finden, wenn ihre persönlichen Daten für irgendwas benutzt werden. Die dann ihr Avatarbild ändern. Oder ihren Namen anonymisieren. Oder sogar mit Abmeldung drohen! Menschen, denen auf einmal bewusst wird, was sie da die letzten zwei Jahre in den digitalen Äther an digitalem Profil gepustet haben. In die geschlossenen Toren eines (A?)Sozialen Netzwerks hinein. Sich total crazy auf Partybildern verlinkt und sich diese witzigen Kommentare auf die Pinnwand geschrieben haben. Und immer ach so viel Spaß dabei gehabt haben.
Liebe diese Menschen. Friede, Freude, Blümchenwiese gibt’s unter’m Tannenbaum; Nächstenliebe gibt’s nicht bei der Wartung riesiger Serverfarmen, Managergehältern und Auslandstöchter.
Damit wir uns richtig verstehen: Mir geht es hier nicht um die Bewertung der personalisierten Werbung, mir geht es um die Reaktion der Community. Um die Naivität bei der Annahme, dass StudiVZ allein mit Banner- und Textwerbung sein finanzielles Dasein fristet, wo sie doch 4 Millionen hoch gefüllte, wertvolle Profile Deutschlands potenzieller Elite im Kader haben. Um die Amüsanz der Auflehnung. Wir sind das Volk, wir sind das StudiVZ.
Anonymisiert euer Profil, oder löscht es einfach! Noch könnt ihr das sogar dauerhaft.
Oder meldet euch bei Facebook an. Obwohl. Wenn ihr dann nach ein paar Monaten begreift, was die Zuckerfirma aus Amerika mit euren Daten macht, dann geht ihr noch mehr in der Menge unter. Also, lasst es besser.

Update: Johnny schreibt im Spreeblick viel lesenswerteres und richtigeres und sowieso. Außerdem schon vor zwei Tagen. Naja.
Dieser Beitrag wurde ihnen gesponsort von: „Melancholie und Pessimismus vor Weihnachten, oder – Warum nicht auch an Weihnachten cholerisch sein?“