Andi erzählt von seiner Diplomarbeit

Willkommen, gutgelaunter Rest meiner treuen Leserschaft, der so nett war, mein Blog in seinem Feedreader zu behalten. Danke dafür.
Es ist schon einige Zeit hier, dass sich in diesem wunderhübschen Blog neuer Inhalt in den Pixeln eures Monitors materialisierte. Gefühlt ungefähr ein Jahr.
Das ist schrecklich. Ich bin untröstlich. Echt jetzt.

Was war los?
Hat Andi sich die Hand gebrochen? Traf eine Katze Andis Tastatur und beschädigte sie irreparabel (die Tastatur, die Katze, beides?)? Traf eine Welle Quantengravitation diese Webseite und schickte alle neuen Blogposts direkt in den Papierkorb?

Fast.

Ich schrieb meine Diplomarbeit. Und das war ganz schön was.

Wenn ich Zeit hatte, um nicht C++-, oder LaTeX-Kram in die Tastatur hineinzuhauen, da schob ich unreflektierte und hochgradig uninteressante Äußerungen in mein Diplomblog. Wer sich die Datumsstempel der Beiträge dort anschaut, kann schnell eine Korrelation zwischen Zeit_bis_zum_Ende_der_Diplomarbeit und Extensivität_der_Beiträge ausmachen. In den letzten Wochen, ach was, Monaten wurde es dann doch relativ stressig und ich kam immer weniger zur Dokumentation meines Haarnichtschnitts Schaffens.
Ich weiß, dass euch das wurmt und nachts ca. 2% schlechter schlafen lässt.
Daher hier eine Retrospektive zur Diplomarbeit.
Tada.

Zu Beginn der Arbeitszeit berichtete ich bereits, mit welchem Thema ich mich ein Jahr auseinandersetzen sollte. Der Titel der Arbeit, die ich abgab, lautete schlussendlich: »Bestimmung der Masse des Top-Quarks anhand der Zerfallslängen von B-Hadronen im CMS-Experiment.«
Tight shit, was?

Das Jahr zwischen Physikern und angehenden Physikern war ganz schön interessant. Mit Abstand das Interessanteste während der fünf Jahre des Studiums. Endlich ging es mal nicht darum, den Lernvolumen(1)-Lernzeit-Koeffizienten für sämtliche Werte von (1) zu optimieren, in einem Zeit-Delta-Peak1 (1) intelligent abzurufen und den Langzeitgedächtnisübernahme-Filter gleichermaßen vorausschauend und effektiv einzustellen2. Endlich konnte man Rückstände in jenem Gedächtnis abrufen, sie mit dem Meta-Grundrauschen der letzten Jahre vereinigen und an dem herumtüfteln, weshalb man irgendwie vor fünf Jahren mal mit dem Studium begonnen hatte3.
Meine Arbeit fand an Simulationsdaten des CMS-Experiments statt. Das ist euphemistisch für »Ich saß den ganzen Tag am Computer und programmierte wie wild.« Ich schrieb Programme für eine Vor-Analyse, schrieb Programme für meine richtige Analyse, schrieb alleine Programme und schrieb Programme gemeinsam; ich ließ das Grid unter der Erstellung von Monte-Carlo-Datensätzen nicht mit der Wimper zucken und ärgerte mich nur begrenzt bei der Verwendung russischer TIER-2-Sites; ich schrieb Auswertungsprogramme — und schrieb sie in den letzten Wochen noch mal von Neuem, weil ich a) kann, b) sie verallgemeinern und c) verbessern wollte.
Ich diskutierte über Anpassungsbereich, Binning-Effekte und Cut-Flow-Reihenfolgen; über Farben, Füllmuster und Liniendicke; über richtige Bindestriche, Falsch Bindestrich Kombinationen, Abkürzungen und Überschriftentiefen. Ich erlernte die unbekannte japanische Fehlervermeidungsmethode des automatischen Kompilierens von ROOT; ich formulierte im Kopf Hassmails an den Ersteller von THStack; ich fand mich im dunkeln, blind und noch nach zehnmaligen Drehens auf den Dokumentationsseiten von ROOT zurecht — ganz im Gegenteil zu den CMSSW-Klassenindizes, die bei jedem Besuch den Seitenaufbau durch ein TRandom zu jagen schienen. Ich vernerdete beim Textsatz in LaTeX, war freudig, dass es für jedes Problem eine Lösung in Paketform gibt, war verärgert, dass diese Aussage wohl nur für ausreichen komplexe Probleme gilt und bei einfachen Anforderungen zu einer Exception führte.
Ich schrieb an Einleitung und Zusammenfassung überproportional lange, formulierte sie um, mikro-optimierte sie (Satzbau, Wortverwendung), löschte sie wieder und formulierte sie neu. Besonders die Zusammenfassung.
Ich füllte mein erstes Whiteboard, nicht nur einmal; ich füllte zentimeterweise lose Papiere – nur nicht mein Diplombuch, das hätte ich dafür aufschlagen müssen; mein Aufregungspotenzialtopf füllte sich von selbst und erweiterte sich schließlich gemeinsam mit meiner Ausdauer.

Und schließlich ging ich mit einem PDF4 auf sieben verschiedenen Medien zum Copyshop, druckte meine Diplomarbeit und brachte sie zu ZPA und Professoren. Ein unspektakuläres Finale für die letzten Tage und Wochen.
Aber ein (sehr) gutes — spätestens als ich dann ein paar Wochen später die Note bekam. Ein tolles Ende einer erfahrungsreichen Zeit.

Erinnert ihr euch noch an die Selbstportraits von weiter oben? Zusammengeschnitten zu einem Video sehen die so aus:

  1. Lies: Klausur []
  2. Was immer einen Beigeschmack von Glücksspiel hat, denn die optimale Einstellung schafft man wohl nur durch Zeitreisen. []
  3. Sachen kombinieren, verstehen, aha-n und wow-n. []
  4. In der kein einziges Bitmap-Bild drin ist! Darauf bin ich stolz! Jawohl! []

9 Gedanken zu „Andi erzählt von seiner Diplomarbeit

  1. Oh, da waren ja noch mehr Kommentare in der Moderationsschleife – sorry!

    @leser: Nein, vorerst nicht. Falls, dann werde ich es bestimmt in mein Diplom-Blog noch hineinstellen. (Abonnier einfach mal den RSS-Feed dort, sonst sollte da nämlich nicht mehr viel passieren…)

    @kirjoittaessani / Tanja: Ich habe schon Ideen. was ich machen will. Aber bevor die fest sind, werde ich das noch nicht hier reinschreiben ;).

  2. Brav, hast du fein gemacht! Bis in einem Jahr dann, wenn es den Bericht zum ersten Job gibt *fg*

    Naja gut, vielleicht sollte ich mich was zurückhalten, immerhin habe ich auch seit einem Jahr nichts mehr in meinem Blog geschrieben.

Kommentare sind geschlossen.