re:publica ’09 happened — Von Web 2.0, Twitter, Urheberrecht, Berlin und im wesentlichen ganz viel Anderem

Zwei Monate kein Beitrag im Blog? Andi hatte wiedermal ein Praktikum1 und war direkt im Anschluss in Berlin.

In der letzten Woche fand in Berlin die re:publica ’09 statt. Im Friedrichstadtpalast und in der Kalkscheune wurde über alles geredet, was mit diesem abgefahrenen Web 2.0 und mit anderen sozialen Medien2 zu tun hat.
Nachdem ich es in den letzten zwei Jahren nicht geschafft hatte, habe ich mich in diesem Jahr zusammen mit physikMitBlogger André, @schneyra, @Nevid und @FrederikWi auf den Weg in die Hauptstadt gemacht.

re:publica '09 - Day 1: WLAN kommt bald!Bevor es unten, nach dem Klick ins Detail geht: Es war sehr toll. Von allerhand Leuten wurde über das geredet, was einen so als webaktiven Nutzer interessiert und betrifft. Qualitativ deckten die Talks und Panels und Diskussionen alles von „langweilig“ bis „absolut toll“ ab. Aber die zweieinhalb letzterer Kategorie allein rechtfertigten schon das Kommen zur Veranstaltung.
Die Weltpresse3 bewegte primär, dass es kein WLAN gab. Das bewegte uns alle auch, aber bei weitem nicht so wild, wie von der Presse aufgebauscht. Man hätte damit rechnen können (so wie wir, z.B.) und einfach auf EDGE und UMTS vertrauen. Ging auch so sehr gut und war alles andere als wild.
Abgesehen von tollen und nichtsotollen Vorträgen gab es natürlich einen Haufen Leute kennenzulernen und „kennenzulernen“, da man sie ja schließlich online schon lange „kennt“.
Grandios war auch, wie weit Twitter mittlerweile in der Gesellschaft angekommen ist. Konstant konnte man seine Suche nach „rp09“ aktualisieren und immer profanes, interessantes und lustiges Neues lesen. Toll.

Die Talks der re:publica ’09 gibt’s allesamt bei make.tv als Stream, manche lohnen sich tatsächlich auch noch im Nachhinein anzusehen.

Im Detail folgt jetzt im Wesentlichen ein Ausformulieren meiner Tweets zu den Talks:

Am Mittwoch begann es nach etwas Verspätung mit einer Begrüßung der Veranstalter und Anhang. Direkt danach kam ein Talk von John Kelly. Von mir als »Analyseporn« bezeichnet hat Kelly die globale Blogosphäre graphisch als kleine Punkte in großen, dreidimensionalen Kugeln dargestellt. Eine sehr tolle Sache, zu sehen, wie die weltweiten Blogosphären zusammenhängen und wer alles wohin linkt in Deutschland.
Es folgte ein Panel über den Status Quo der Blogosphäre mit deutschen Bloggrößen. Alles bekannt und deswegen eher semi-interessant. Wäre da nicht rechtsaußen dieser seltsame Typ mit Kappe und wippelnden Knie gewesen. Naja.

Nach der Pause erwartete uns eine esoterische Darstellung des Open Moon Projects, das alle Überzeugungsarbeit, die der Titel bereits bei mir geleistet hatte, durch die Bühnenvorstellung wieder zu Nichte gemacht hat. Mehr als diesen Eindruck hat André im physikBlog aufgeschrieben.
Getrumpft wurde das allerdings noch von dem Panel danach. Unter dem Titel »Die Medienwelt im Wandel« waren eigentlich Menschen eingeladen, deren Medien den Wandel bereits vollzogen hatten. Aber nachdem innerhalb der ersten 20 Minuten die webbige Oberfläche weggebröckelt war, kam doch wieder nichts anderes als ein ein halb Medienleute heraus, die es wohl irgendwie doch noch nicht so recht vestanden hatten. Schade.

SMS-Twitter-Wall
(cc) litogra

In dieser Zeit funktionierte dann auch die Twitter-SMS-Wall4 das erste Mal richtig.
Und zeigte (mir), dass Twitter als Zusatzkommunikationsmedium für so eine tweetdichtige Großveranstaltung live nicht geeignet ist. Einfach zu viele Tweets tropften in zu kurzer Zeit die Wand herab. Entweder Tweets folgen oder der Diskussion auf der Bühne. Beides gleichzeitig führte bei mir zu einem Buffer Overflow der Multitaskingeinrichtung meines Hirns. Lieber nur eine SMS-Wall, oder aber die Twitter-Wall nicht so zentrisch präsent hinter den Diskutierenden stellen.

re:publica '09 - Day 1: moot from 4chan

Es folgte Anthony von der großartigen Hypemachine. Nicht viel Neues, aber toll mal einen Macher selbst reden zu hören. Moot von 4chan kam danach dran und stelle das ganze Konzept der Anonymität hinter 4chan vor. Hier gab’s für mich schon eher Neues. Die Mememachine 4chan kannte ich natürlich, aber eben jenes massive Aufbauen auf der Anonymität der Autoren war auch mir neu. Und dass das Board kein Archiv hat, das wusste ich auch noch nicht.
In einem Panel danach ging es um Großstadtnomaden und Microblogging und sowas. Uninteressant.

Zum Abschluss gab es eines dieser legendären re:publica-Live-Events: Eine Gameshow. Erst sollten mit Hilfe vom Netz Fragen beantwortet werden, dann ging’s um Memes. Inklusive Karaoke! Großartig — auch wenn’s am Anfang etwas drunter und drüber lief.

Fettes Brot, Entschuldigung, das Schwule-Mädchen-Soundsystem legte danach in der Kalkscheune auf. Nicht so sehr toll, aber wir haben trotzdem getanzt. Wir sind da ja langjährig abgehärtet mit unserem exquisiten Musikgeschmack.

Den zweiten Tag (Donnerstag) ließen wir wegen akutem Uninteresse an den restlichen Veranstaltungen erst nach der Mittagspause um 14:00 starten und nutzten die gewonnene Zeit zum Aufholen, was wir internetmäßig am letzten Tag verpasst haben.
Um 14:00 dann erwartete uns ein Vortrag von Peter Glaser, der über Internet, Ethik und die digitale Gesellschaft referierte. Sehr toll und unterhaltsam und richtig!
Danach sollte eigentlich etwas über digitale Identität erzählt werden. Letztlich fanden wir uns allerdings in einem Sozialwissenschaftenvortrag wieder. Nagut, es ging tatsächlich um digitale Identität, allerdings fand ich diesen Zugang aus sozialwissenschaftlicher Sicht mehr als lanwgeilig. Man könnte das jetzt mit meiner A-sozialität als Physiker begründen, wenn nicht der großteil der twitternden Raumbevölkerung ebenso empfunden hätte. Puh. Die Lebensgeschichte der rollstuhlfahrenden Co-Talkerin dieses Vortrags war dann zwar ungleich trivialer, aber auch wesentlich unterhaltsamer.
Das Panel mit den Digital Natives, also jenen jungen Internetbereisern, zu denen wir uns vor 10 Jahren auch mal zählen durften, sparten wir uns und schauten lieber der Open Street Map zu. Ein interessantes Projekt. Allerdings momentan noch, so finde ich, für das Gros der Bevölkerung unbenutzerbar, weil zu komplex in der Befüllung und Abfrage. Von Nerds, für Nerds. Und so war übrigens auch der Vortrag…

Pünktlich um 17:30 sicherten wir uns einen der Plätze für den Vortrag des cc-Erfinders Lawrence Lessig. Das re:publica-Team kündigte an, es würde voll werden. Und so war es auch. Zu recht. Denn der Vortrag von Lessig war einer der besten Vorträge, die ich je gesehen habe. Nicht nur inhaltlich hätte man jederzeit aufspringen und „Amen, Bruder“ rufen können, auch wie er seine Präsentation und den Inhalt der Slides benutzte. Wow. Dieses Tempo, diese Pointiertheit. Toll. Unbedingt auf make.tv anschauen.

Von der abendlichen Twitterlesung, zu der die Meinungen auf Twitter etwas auseinander gingen, haben wir leider nur das Ende mitbekommen. Wir beschäftigten uns derweil mit Monstern, Aliens und 3D-Brillen.

Der letzte Tag, Freitag, wurde von Esra’a Al Shafei gestartet. Sie relativierte mit ihrem Vortrag alle restlichen etwas in ihrem Inhalt. Esra’a hat eine muslimische Plattform gegründet, in der sie als Muslimin für die Rechte verschiedener Leute mit meist anderer Konfession im Nahen Osten kämpft. Während gestern noch in irgendeinem abgefahrenem Internetboard das nächste Meme mit lustigen Kätzchen gefunden wird, schafft Esra’a mit ihrem Team, dass mehrere tausend Menschen in Ägypten ihre Aufenthaltsgenehmigung kriegen. Die etwas andere Kraft des Internets. Sehr interessant!

Jimbo Wales
(cc) litogra

Etwas später erzählte Wikipedia-Gründer Jimbo Wales über eben jene und sein neues Projekt Wikia. Der Teil zur Wikipedia war eher langweilig, nur das, was auch von den Medien groß aufgegriffen wurde, war interessant: Die deutsche Wikipedia ist zwar kleiner (wenn auch die zweitgrößte weltweit), er hält sie aber für qualitativ hochwertiger als die englische. Außerdem ein lustiges Randdetail: Trotz der riesigen Bevölkerungsmassen in Indien, ist die Wikipedia doch eher klein dort. Wikia war dann auch letztlich nicht viel interessanter. Ein guter Vortrag für jemanden, der noch nicht mit der Wikipedia und dem Konzept dahinter viel zu tun gehabt hat. Aber für uns digitale ehemals Natives eher langweilig.

Alles andere als langweilig danach war der Vortrag von Cory Doctorow. Der ist Sci-Fi-Buchautor5, Blogger bei dem großen amerikanischen Dingsbumgsblog Boing Boing und einer der Vorreiter für ein modernisiertes Urheberrechtssystem. Ohne Präsentation, nur er, alleine am Rednerpult, referierte er darüber, was denn alles schief läut momentan und wie bescheuert das eigentlich alles ist. Er verwendete großartige Beispiele, argumentierte sowohl wissenschaftlich-logisch, wie auch emotional. Ein toller Vortrag, der einiges an Unterbau für die nächste Urheberrechtdiskussion6 liefert. Auch unbedingt die Zeit nehmen und auf make.tv anschauen.

Danach schauten wir uns einen kurzen Abriss über die britische »Atheist Bus Campaign« an. Diese Kampagne brachte von einer simplen Idee mit Hilfe des Internets dazu, dass ein paar tausend Busse in England mit einem atheistischen Spruch bedruckt wurden.
Der dritttollste Vortrag der re:publica folgte danach. Bei »Pornografische Zukunftsvisionen – eine nicht ganz ernstgemeinte Reise« wurde die Geschichte des Erwachsenenfilms der letzten 100 (!) Jahre aus filmwissenschaftler Sicht beleuchtet. In völlig jugendfreiem Maß durften wir über so tolle Filme wie »Flesh Gordon«7 oder »Abducted by the Daleks« lachen. Sehr toll!

Bevor wir, oder dem, was von ‚wir‘ noch übrig war, dem re:publica ein Dankschön klatschen durften, gab es noch einen Vortrag der Hedonistischen Internationalen. Was für ein grenz-lustiger und abgefuckter Haufen.

Afterparty beim newthinking store

Den Abschluss der re:publica ’09 bildeten dann die Afterparty im newthinking Store8 und die Followerparty bei @saschalobo, zu der 300 Menschen kamen, die er nur über Twitter eingeladen hatte.

Eine tolle re:publica ’09. Ich werde sicherlich wiederkommen.

Bonustrack: Man fragte mich, was man (also ich) auf so einer Konferenz überhaupt wolle. Das ist nicht so schwer: Es ist furchtbar toll mit Gleichgesinnten rumzusitzen, tollen und nicht so tollen9 Talks zuzuhören und seinen Senf dazuzugeben. Das reicht mir persönlich, wenn’s um das Thema Web 2.0 geht.

Und sonst so, Berlin? Berlin hat irgendwie alles. Verdammt viele, alte und wichtige Geäude auf einem Fleck, dann etwas weiter furchtbar neue Gebäude daneben. Unser Hostel, das »Heart of Gold« war eher so lala. Günstig, aber durchgelegene Betten, hellhörige Flure und winzige Flur-Badezimmer-Toiletten-Kombos. Aber super zur re:publica gelegen.

  1. Dieses mit fetzigen radioaktiven Präparaten und heißen C++-Programmen zur Auswertung von Monte-Carlo-Simulationen. []
  2. Social-Media-Konferenz eben. []
  3. Gefühlt gab es pro Konferenzteilnehmer einen Presseartikel irgendwo da draußen. []
  4. Für alle uncoolen Außenseiter: Bei der Twitterwall werden Tweets zu einem speziellen Suchwort (meist sind das Hashtags, in dem Fall z.B. #rp09) auf einer Wand angezeigt. Neue erscheinen oben und drängen so langsam die älteren unten raus. „Langsam“. Bei der SMS-Wall funktioniert das analog, nur eben mit SMS anstelle von Tweets. []
  5. …und ich habe immer noch kein Buch von ihm gelesen… []
  6. Die wir sowieso nicht haben werden, da wir in gleichdenkenden Kreisen verkehren… []
  7. Kurzer Abriss der Story: Wong hat seinen Sex-Ray auf die Erde gerichtet und Flesh Gordon wird in seinem phallusförmigen Raumschiff mit Dr. Jerk-Off zum Planeten Sex ausgesandt, um den Sex-Ray zu zestören. Grandios. []
  8. Wo es das seltsame Getränke Wodka-Mate gab, was einfach nach Nichts schmeckte. []
  9. Das ist egal, solange Letzteres nicht überlegt. []

5 Gedanken zu „re:publica ’09 happened — Von Web 2.0, Twitter, Urheberrecht, Berlin und im wesentlichen ganz viel Anderem

  1. Mir bleibt da eigentlich nur, dir in quasi allem zuzustimmen. Hier und da fand ich glaube ich mal einen Beitrag nicht so gut oder besser, aber die Richtung ist überall gleich.

    Bis nächstes Jahr dann in Berlin, würde ich sagen 😉 Oder morgen Abend im Apollo.

  2. Danke für die schöne Zusammenfassung, hast ja andere Panels gesehen als ich. Werde mir Cory Doktorow gleich noch ansehen.

    Fand den Spaghettimonster-Tweet übrigens sehr nett. Die Frau hat aber auch geschwafelt *tsss*

    Dafür dass es meine erste re:publica war fand ich’s in Ordnung. Vielleicht kann man sich nächstes mal ja etwas länger unterhalten.

  3. Hey!
    Doctorow lohnt wirklich – der war super, zumindest, wenn man am Thema interessiert ist :).

    Der Vortrag war einfach ein Niveau, dass ich an der Stelle nicht gebrauchen konnte — zu hoch. Da fällt mir nur das Spaghettimonster ein ;).

    Und ja, ich würd sagen, bis zum nächsten Jahr :).

  4. Danke für’s zusammenfassen. Jetzt werd ich mir deine favorisierten Vorträge mal ansehen…

    (Und nächstes Jahr bin ich hoffentlich auch vor Ort!)

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