Regierungsheimwerken: Die dicken Bretter der Frau Merkel

Man kennt das ja. Da möchte man etwas sagen, was nicht ganz so toll ist oder nicht so sehr hübsch klingt, denkt kurz nach und findet irgendwo in der hinteren Ecke seines Sprachgedächtnis etwas total fetziges: Redewendungen.
Diese versprichwortlichten Metaphern gibt es in allen Sorten, Geschmacksrichtungen und Farben. Unter den Bekannteren der Redewendungen gibt es da für Einsteiger das induziert-selbstkritische „Wer Anderen eine Grube gräbt fällt selbst hinein“, für den hintergangen-schwergewichtigen Ethologen den aufgebundenen Bären, bzw. dessen Dienst, sowie für Familienfeiern im Elefantengehege: „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“ .
Manche Redewendungen adaptieren sich nur schwer an die Gegebenheiten der Moderne. Kommt die Hiobsbotschaft auch noch in Zeiten von E-Mail und Twitter an? Führen auch alle digitalen Wege nach Rom? Wer hat in Zeiten von Gentechnik und Ernteausfällen die dicksten Kartoffeln?

Bohrer
Ein Bohrer. Geeignet zum Bohren dicker Bretter.
Foto von Jim Frazier

Eine Redewendung, bei der die Sache etwas massiver Aussieht dreht sich um das Bohren dicker Bretter. „Wir müssen dicke Bretter bohren“, „Die Bretter, die wir bohren müssen, werden immer dicker“, „Dünne Bretter bohren kann jeder“. Und. So. Weiter.
Das erzeugte Bild zielt auf die Schwierigkeit einer zu erledigen Angelegenheit und der persönlichen Motivation diesbezüglich an, benutzt dabei im unterschwelligen Subtext einfache, alltägliche, aber keineswegs unwichtige Thematik und bedient sich des deutschen archetypischen Rollenmodells des Handwerks.

Kein Wunder also, dass unsere momentane Lieblingsbundeskanzlerin Frau Merkel gern diese Redewendung benutzt. Gleich auf mehreren Ebenen kann sie schließlich innerhalb weniger Worte mit ihren Rezipienten (Volk, Politiker, Hochlandrinder) eine Verbindung aufbauen.

Schon ganz zu Anfang ihrer Karriere als Bundeskanzlerin fiel sie kurz nach der Übernahme des Zepters 2005 mit der Tür ins Haus. In ihrer ersten Regierungserklärung am 30. November stellte sie fest, dass die große Koalition dicke Bretter zu bohren haben.
Ein Jahr später übernimmt Frau Merkel den nächsten wichtigen Posten, die Ratspräsidentschaft unserer Lieblings-EU. Es sind die Zeiten eines Türkeibeitritts und einer gemeinsamen Verfassung, oder das, was man noch aus ihr retten kann, die sie europaweite dicke Bretter bohren lässt (Rede vom 14. Dezember 2006).

Bohrer
Bohren klappt nicht immer.
Foto von cesarastudillo

Ein paar Sandkörner in unserer Wochensanduhr später (Ende Januar 2007) besucht die Bundeskanzlerin das Weltwirtschaftsforum in Davos – dort, wo sich sonst nur Fuchs, Hase und Skifahrer Gute Nacht sagen. Sie möchte den wirtschaftlichen Austausch mit diesem blau-weiß-roten Land über dem Großen Teich fördern und, jawohl, stellt fest, dass es dicke Bretter zu bohren gibt.

Trends gehen auch an unserer Kanzlerin nicht vorbei. Ständig steht sie unter Strom und ist auf dem neuesten Stand. Gute Trends erkennt sie und weiß sie zu propagieren. So der Klimaschutz.
Anfang 2007 verspricht sie den Sternsingern beim Besuch ihres Buddys George W. Bush den Klimaschutz mit ihm zu diskutieren. Ein halbes Jahr später stippvisitet sie einen anderen Staatschef: Bei ihrem Besuch im Reich der Mitte, in China, bespricht sie mit Premiereminister Wen den Klimaschutz.
Beide Male sind es natürlich dicke Bretter, die zu bohren sind.

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch daran. Die letzten Reste einer Industrie beschwerten sich anfang des Jahres darüber, dass sie mit der modernen Welt nicht mehr klar kommen und sie den Realitätsbezug verloren hatten. Das Ganze packten sie in große Anzeigen und einen offenen Brief an Frau Merkel.
Diese griff das Thema, modern wie sie ist im April in ihrem Podcast auf (Transkript). Natürlich bohrte sie dicke Urheberrechtsbretter.

Vor einem Monat gab Frau Merkel der Wirtschaftswoche ein Interview. Kurz vor dem (politischen) Sommerloch reformierte sie referierend noch fleißig in Wort und Tat. Im Speziellen werde der Arbeitslosigkeitsabbau immer schwieriger. Natürlich sagte sie dies durch DIE Blume. Die dicken Bretter (die an dieser Stelle allerdings noch dicker werden).

Als sie eine Woche später zum Thema der Mittelmeerunion den französischen Staatspräsidenten Sarkozy zu überzeugen ersucht, stellt sie fest, dass dies ebenfalls dicke, bohrbare Bretter sind.

Und ich bin mir sicher, dass Frau Merkel bei ihrem Besuch im April in der RWTH ebenfalls dicke Bretter bohren wollte.

Ja, unsere Frau Bundeskanzlerin ist wahrlich eine prächtige Heimwerkerin – ihre Sprichwortdiversität aber relativ dünn (und die obige Liste ist sicherlich nicht vollständig!).
Ein paar Alternativvorschlage von mir:
– Bretter schmiergeln
– Bretter abkanten
– Bretter fräsen
– Bretter leimen
– Bretter schrauben
Immerhin hätten wir dann am Ende einen fertigen Bundesschrank.

Und immerzu dicke Bretter bohren, das ist doch was für Dünnbrettbohrer.

5 Gedanken zu „Regierungsheimwerken: Die dicken Bretter der Frau Merkel

  1. Vielleicht komm statt des Bundesschrankes aber auch die Bundeslade dabei raus. Und dann kommt Indiana vorbei. Im Kühlschrank, fliegenderweise.

  2. damn damn damn andré!!! DER LAG MIR GERADE AUF DER ZUNGE!! und ‚ironischer‘ Weise wusste ich schon vor dem lesen des Kommentars, dass DU ihn wegnimmst!

  3. Ich ging durch den Park, erfreute mich am Duft der Spätsommerflora als mir auf einmal Schuppen von den Augen fielen und ich den Park, die Welt und das ganze Universum unter neuem Licht sah. Ich erkannte das Brett der Merkel.

    Im Ernst: Mir war während des RWTH-Vortrags aufgefallen, wie häufig die Frau Merkel die Sache mit den Brettern benutzt. Jetzt desletzt schon wieder. Da hab ich mir gedacht: Musst du mal recherchieren. Und Bloggen, of course.

    Aber du hast ja gar nicht gefragt.

  4. Das ist ja echt funny, was unsere geliebte Bundeskanzlerin da von sich gibt. Ist mir eigentlich noch gar nicht aufgefallen, werde aber auf jeden Fall jetzt mal darauf achten. An Stoiber kommt allerdings keiner ran *zwinker

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