Serien zur Sommerpause

Auch wenn es momentan nicht danach aussieht, aber ja, es ist Sommer1. Wie sich die Älteren unter euch vielleicht noch erinnern können gab es eine Zeit vor der Klimaerwärmung, in der sich Mensch, Tier und Pflanze im Freien tummelten und gemeinsam auf einer Picknickdecke beim Duft von grillendem Maiskolben Schach spielten. Das war die Zeit, in der die großen amerikanischen TV-Sender ihre großen Serien pausieren ließen und die TV-Landschaft aussah, wie der Mars, nachdem ihn seine Bewohner verlassen hatten.
Aber wir haben die Klimaerwärmung. Und wir haben große TV-Serien im Sommer.2

Hier meine bescheidene Meinung, etwas ausführlicher als es meine Kurzbewertungen bei Twitter ([#]) zulassen.

Swingtown
SwingtownEs geht um Susan und Bruce Miller, die in einen neuen Stadtteil ziehen und sich dort mit ihren neuen Nachbarn, Trina und Tom Decker anfreunden. Die Letztgenannten leben ihre Ehe nach dem Prinzip der „Open Marriage“, feiern wilde Parties und genießen ihr Leben. Bruce und Susan lassen sich von dieser neuen Welt anstecken, verfallen aber immer wieder in Zweifel, ob das denn alles so ok ist.
Inhaltlich geht Swingtown weit über den Open-Marriage-Stoff hinaus, bildet die Serie doch die Aufbruch-, die Veränderungsstimmung der 70er ab und diskutiert sie währenddessen in ihren Vorzügen und Nachteilen (Nebenbei: Amüsant wie sich das projizierte Bild samt der Rollenmodellzuordnung der Deckers und Thompsons während der Staffel ändert…). Da geht es um wirtschaftlichen Aufschwung, um Emanzipation, um das Brechen mit alten Werten, aber auch um den Erhalt alter Werte. Sehr Vielschichtig.
Stilistisch ist die Serie darüber hinaus ein absoluter Augenschmaus. Der Soundtrack besteht aus tollen 70er Songs (die man sich bei last.fm anhören kann). Die Kostüme und die Kulisse sind authentisch, die Serie ist mit leichtem Weichzeichner und überstrahlten weißen Farben aufgenommen. Die Krone setzen diese schmalzigen Überblendungen auf, bei denen zum Beispiel eine alte Szene in der Flamme einer Kerze verschwindet.
Absolute Anschauempfehlung. [#, #]
7,6 von 10 Hippiesongs.

Flashpoint
FlashpointEtwas mehr von den Quoten gesegnet ist diese Serie über ein Spezialeinsatzkommando. Während des Streiks von CBS in Kanada zum Dreh aufgetragen geht es um ein Team von Polizisten der SRU (Special Response Unit), das sich mit den etwas heikleren Polizeisituationen auseinander setzen muss, den Situationen, die starke Nerven und fetzige Technik benötigen.
Mit ein paar bekannten Schauspielern besetzt (allen voran Enrico Colantoni, den man sonst z.B. als den Vater von Veronica Mars kennt…) geht es bei Flashpoint viel um Psychologie und den heiklen Einsatz der Spezialtruppe. Ist in gewisser weise just-another-crime-series, aber in gewisser weise auch nicht. Die Charaktere stehen im Vordergrund und alles wirkt etwas tiefgründiger. [#]
7,1 von 10 Geiselbefreiungen

The Cleaner
The CleanerEs geht um William Banks. Einst war er ein ziemlicher Junkie. Doch während der Geburt seiner Tochter machte er einen Deal mit Gott: Wenn er ihm eine zweite Chance geben und die Sache überstehen lassen würde, dann würde er seine Drogenkarriere beenden und anderen helfen, das ebenfalls zu tun. Natürlich ging alles gut und wir sehen Banks als geläuterten Familienvater. Und als Teamchef. Denn er hat sich eine Truppe aus Ex-Abhängigen zusammengestellt, mit denen er durch die Straßen zieht und anderen hilft, vom Drogenkonsum (et cetera) runterzukommen.
Die Serie ist, ganz entsprechend des behandelnden Themas sehr düster angelegt. Viel spielt in der Nacht, im Schatten oder in schlecht beleuchteten Einrichtungen.
Dreh- und Angelpunkt ist William Banks (gespielt von Benjamin Brett, den man aus einer anderen, ganz guten A&E-Produktion Namens „The Andromeda Strain“ kennen könnte…), dem man bei seinem stressigen und bösen, aber hilfsbereiten und verantwortungsvollen Alltag sehr gerne zu sieht. [#]
7,1 von 10 Abhängigkeiten

The Middleman
The MiddlemanDer Middleman ist ein freier Geheimagent, der sich für außergewöhnliche Probleme zuständig sieht. Hochintelligente Mafia-Affen gehören zum Beispiel dazu. Unsere Protagonistin Wendy Watson begegnet dem Middleman zufällig, als bei einem ihrer Aushilfsjobs ein Monster die Belegschaft tötet. Eins führt zum Anderen und Wendy wird die rechte Hand des Middlemans.
Die Serie basiert auf einem Comic. Und das merkt man: Alles ist wunderbar übertrieben und wunderbar übertrieben bunt. Alles glänzt und hat diesen falschen Touch. Abgedrehte Personen mit abgedrehten Handlungen in abgedrehten Geschichten. Dazu noch eine sehr große Zahl an popkulturellen Anspielungen.
Die Quoten sind wohl nicht so toll, wie es sich im Blog der Serie liest. Mehr als eine Staffel wird es also nicht vom mittleren Mann geben. [#]
6,9 von 10 Comicmonster

In Plain Sight
In Plain SightMary ist eine Polizistin, genauer ein Marshal des Zeugenschutzprogramms. Ihre Aufgabe ist es, ehemalige Kriminelle und andere Menschen im Programm zu beschützen und sie zu betreuen. Dass das kein einfacher Job sein muss, zeigt In Plain Sight.
Mary wird als verzweifelter und fast schon misanthropischer Charakter gezeichnet (allerdings gibt es da auch diese hoffnungsvollen Momente, ganz im Gegensatz zu Saving Grace, was ich quasi deswegen nicht weiterverfolgt habe…), der sich so durch sein Berufs- und Privatleben schlägt und versucht, ein wenig Ordnung hinein zu bringen. [#]
6,5 von 10 Zweitelebenimzeugenschutz

Es gibt auch zwei neue Serien, die mir ganz und gar nicht gefallen. Hier also zwei kleine Warnungen:

Bonekickers
Eigentlich hat diese Serie Potenzial: Besetzt durch Adrien Lester, den ich seit Hustle sehr gerne sehe, geht es um Archäologen und das Aufdecken von Fehlern in der Geschichtsschreibung. Aber leider ist das alles so billig, schlecht und uninteressant umgesetzt. Jede Folge ist eine Qual. Es zieht sich und wird nie richtig spannend. Schade eigentlich. [#]

Generation Kill
Wir sind Teil einer Militärtruppe, die in ihren Zelten in der Wüste darauf wartet, endlich den Irak im Jahr 2003 angreifen zu dürfen. Und das war’s. Hier passiert mal etwas, da tritt dieser lustige General auf, hier wird jemand verprügelt. Aber die ganze Story dümpelt so vor sich hin. Klar, das ist aus dokumentarischer Sicht sicherlich hochgradig relevant, die Realität will schließlich abgebildet werden. Nur interessant macht es Generation Kill dadurch noch lange nicht.
Und wenn man sich an den schönen Aufnahmen von Militärfahrzeugen im Wüstensand3 satt gesehen hat, dann gibt es irgendwie gar nichts interessantes mehr in der Serie. [#]

Noch kurz vor dem Ende:
Doctor Who: Die vierte Staffel des Doctors endete geradezu phänomenal. Das Finale vom noch-Showrunner Russell T Davies beendet die zu Anfang recht schwache vierte Staffel mit einem großen Familientreffen-Feuerwerk. Ich weiß jetzt wieder, was mich am Doctor so fesselt. [#]
Burn Notice: Davon hat gerade die zweite Staffel begonnen. Es geht so furios weiter, wie es aufgehört hat. Aber mit neuem, großem Soundtrack, wie mir scheint.

  1. Gut, wenn die meisten von euch das jetzt lesen, ist es sicherlich wieder völlig schön, die Sonne scheint durch die Jalousien und die Luft flimmert nur so vor Hitze. Aber egal. Blog for the moment. []
  2. Ob da ein Zusammenhang besteht möge sich der geneigte Leser selbst erschließen. Aber es passte gerade ganz gut für die Einleitung. []
  3. Das meine ich tatsächlich nicht so ironisch, wie es sich anhört. Die Qualität und die Shots sind schön anzusehen. []

13 Gedanken zu „Serien zur Sommerpause

  1. Nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht eine kleine Formulierungsungenauigkeit:

    The Cleaner
    Es geht um William Banks. Einst war er ein ziemlicher Junkie. Doch während seiner Geburt machte er einen Deal mit Gott:“

    Nicht während seiner Geburt sondern während der Geburt seiner Tochter machte er den Deal.

  2. Ich bin ja bekennender Fan deiner Serienempfehlungen, doch dieses Mal bleibe ich glaube ich lieber auf der Picknickdecke sitzen 😉 Hat mich alles nicht vom Sessel gehauen!

  3. 🙂 Sind alles nicht diese High-Profile Serien mit dickem Budget im Rücken, da muss ich dir recht geben. Aber gut finde ich sie trotzdem.
    Schau dir mal The Cleaner an. Das ist toll düster. Oder kontra: The Middleman.

    Und wenn du noch nicht kennst, unbedingt Burn Notice. Da gibts bereits eine erste Staffel von.
    IMHO ziemlich spitze :).

  4. Ich bin immer wieder dankbar für diese Übersichten deinerseits! Ist jetzt im Instapaper gelandet und wird später analysiert. 🙂

  5. Gut zu wissen, dass die nächste Staffel von Dr. Who am Ende doch was wird. Was ich so zu den ersten Folgen gehört habe, hat mich beinahe davon abgehalten, die DVDs auf meine Liste zu setzen…

  6. @Michael: Ja, am Anfang war es tatsächlich schleppend und abgedreht. Abgedreht ist es auch am Ende, aber dort passt es super ins Geschehen.

  7. Hallo!!! TV in Sommer ist immer total schlecht… ok in Winter auch. Lesen ist immer besser. Grüsse

  8. Ich finde ja, Lesen und TV-Serien können wunderbar nebeneinander existieren. Bin nicht nur ‚Serienjunkie‘ sondern auch überzeugter Buch-Leser.

  9. Also bei Generation Kill kann ich dir nicht recht geben. Das was du beschreibst stimmt so in der ersten Folge, danach geht es aber schon ziemlich rund.

    Wie du schon korrekt anmerkst, will die Serie einfach extrem authentisch sein. Sie basiert auf den Artikeln und dem Buch von Rolling Stones Autor Evan Wright, der während der Invasion bei der beschriebenen Marine Recon Einheit als Embedded Reporter dabei ist. Einer der Soldaten spielt sich sogar selbst (Fruity Rudy).

    Es gibt keine Musik und man ist nicht so richtig im Bilde, wie der Krieg gerade wirklich läuft. Die Langeweile vor der eigentlichen Invasion finde ich brilliant abgebildet und der Spannungsbogen zieht extrem an, sobald es zu den ersten Feindberührungen kommt (nicht zu schweigen von den getöteten Zivilisten).

    Das Ganze ähnelt noch eher den Videos, die zuhauf von den Grunts selbst gedreht wurden und überall im Internet zu finden sind. Man sieht eben dann auch noch die Momente zwischen den Videos und bekommt ein Gefühl für die Art der Charaktere.

  10. Hey Nr1 – Danke für deinen ausführlichen Kommentar!
    Was du sagst, ich kann dir nur zustimmen. Sicherlich ist es eine hervorragende Serie, besonders wenn man ihren Realitätsbezug in Betracht zieht.
    Aber mir hat das nicht genügt, um mich zu unterhalten. Da bin ich wahrscheinlich einfach anders gestrickt.
    Vielleicht hätte ich etwas länger durchhalten sollen, aber die wenige Zeit die ich habe, möchte ich nicht darauf warten, dass endlich etwas fesselndes passiert. Da schaue ich lieber direkt etwas fesselndes ;).

    Bin mir aber sicher, dass Generation Kill Preise abräumen wird. Hat nämlich alles, was man für einen Preis braucht :).

Kommentare sind geschlossen.