Southside 2008, Platzgedanken

Nach einer mitternächtlichen Rückfahrt bin ich seit Montagmorgen 4:00 zurück vom Southside 2008. Zurück bei Duschen mit Wasser, bei müllfreiem Untergrund und zurück auf Boden, der nicht bassbedingt bebt, als hätten sich gerade Kontinentalplatten einmal komplett gedreht.

Um es kurz zu fassen: Es war toll! Das heißt, eher yingyangig. Pendelte wie eine feinste Sinusschwingung zwischen „ekelhaft, abstoßend und zu krass“ und „abgedreht, atemberaubend und einfach nur großartig“. Aber zum Glück neigt man ja dazu, nur das Gute im Kopf zu behalten.

Jetzt die Langfassung.

Bereits auf der Autobahn fuhren wir an Autokolonnen vorbei, die bis oben hin mit Campingequipment (insbesondere: Bier) beladen waren. Auf dem Platz angekommen dann erst einmal ein großes „Wow.“. Riesige Parkplätze und riesiges Festivalgelände. Entlang der Landebahn kann doch sicherlich ein Space Shuttle und ein A380 landen. Gleichzeitig. Entgegengesetzt.
Riesig viel Platz für alle also.

Southside 2008: Tents are nearSollte man meinen. Denn der Platz, den wir als Durchgangsplatz zwischen unseren Zelten frei gelassen hatten, war schon bald zugebaut. Zelte dicht nebeneinander. Strukturlos. Planlos. Und dann auch noch die Bitte von den Verantwortlichen, auch Zelte unter die Pavillons zu bauen. Man habe ja keinen Platz auf dem Zeltplatz. Ja, nee, ist klar, gerne. Nicht. Kann man ja auch nicht planen, wieviel Platz 50.000 zeltende Menschen benötigen. Wie sie es seit 9 Jahren Southside tun. Egal.

Southside 2008: Superheroes #2Überall liefen schillernde und bunte, dabei meistens betrunkene und vollständig durch-e Menschen herum. Ob im Supermankostüm den Motorradpolizisten überredend, das Mädel doch mal hinten drauf ein Stück mitzunehmen. Ob nur mit einer Spitzenhotpants bekleidet (als Mann, natürlich). Ob auf einem Rollwagen durch die Gegend geschleudert. Ob zum zehntausensten Mal mit Megaphon den gleichen unlustigen Kram wiederholt. Southside 2008: LionsUnd als sich dann die sympathischen zwei Jungs im Tigerkostüm, die stundenlang mit dem „Titten raus!“-Schild auf der Rollbahn saßen in einem rosigen Moment mit den beiden im Hasenkostüm umarmten. Romantik. Thriller. Comedy. Erotik. Viel zu hollywoodesk für die Realität.

Mit fortschreitender Zeit veränderte sich das ‚ein wenig‘. Die Kreativität mit der sich ein jeder versuchte an Groteske zu überbieten nahm rapide ab. Bierkonsum und Asozialität damit zu. Anstelle 2 m auf die andere Seite des Dixies zu gehen, die Tür zu öffnen und zu tun, was man dort so tut, begnügten sich Viele einfach damit, an die Rückseite der Dixies zu pinkeln. Nach 3 Tagen Sonnenschein ein sehr toller Duft, der von der Rollbahn über den ganzen Platz geweht wurde. Southside 2008: GarbageDer Müll wird einfach fallen gelassen, egal ob Bierdose (96%), Pappteller oder Konservendose. Müllsäcke gab es zu großer Masse am Eingang — ändern tat das allerdings nicht viel. Ziemlich erschreckend, welche Abgründe sich dort unter dem Mantel der „Das machen doch alle so“-Mentalität aufgetan haben. Und wer jetzt mit Argumenten wie „Das gehört dazu, Festival, Alter!“ und „Rock’n’Roll, man!“ kommt, der erhält ein einfaches: Nein.

Die Schlangen vor den Duschzelten wurden auch immer länger (ich war froh, keine Frau zu sein, dort war das Anstehen fast wie beim Einlaß zum Phantasia-Land) und das Wasser aus den Duschköpfen immer weniger. Aber das war verschmerzbar. Immerhin brutzelten fast ein Quadratkilometer1 Haut in drei Tagen Dauersonne und wollten sich duschen.

Erstaunt war ich davon, wie friedlich alles ablief. Ich habe zwar weder mit Sicherheitsleuten, noch mit Polizei gesprochen und spreche rein von meinem subjektiven Erlebnis, aber das spricht für sich: Ich hab keine Leute prügeln sehen. Gut, eigentlich ist es fast erschreckend, dass man so etwas herausstellen muss. Aber wer den normalen Stadtclubbardiscoladen gewohnt ist, der ist froh, dass hier ein zufälliges Anrempeln nicht gleich als Kriegserklärung an das ganze Volk gewertet wird, sondern viel mehr als liebevoller Hinweis, doch endlich mal mehr zu rocken.

southsidesunglassesreflectionmeIm Nachinein (also: jetzt) betrachtet hätte ich mir gerne ein paar Bands angeschaut. Jason Mraz, British Sea Power, Rodrigo y Gabriele, The Weakerthans. Aber zu der Zeit lag ich schlafbemangelt unter einem schattenspendenden Pavillons. Sonne war’s Schuld! 2 bis 7% schlechter hätte das Wetter ruhig sein dürfen.

Der zweite Teil des Southside-Rückblick: Southside 2008, Musikgedanken
Bilder aus meinem flickr-Set.

  1. Bei ca. 1,7 m2 pro Person und 50.000 Personen. []

15 Gedanken zu „Southside 2008, Platzgedanken

  1. Das mit dem Müll hat mich auch schon immer auf Festivals aufgeregt. Selbst mit einem Müllpfand ist dem Problem nicht beizukommen. Vielleicht sollte man das Gewicht bei der Ankunft und Abfahrt messen, und für jedes Gramm Unterschied gibt es dann eine Müllgebühr. 🙂

  2. Gute Idee ;).
    Wir haben da auch mal drüber nach-überlegt. Wir sind zum Ergebnis gekommen: So lange sich im Kopf der Leute nix ändert – vergisses.

  3. die meisten Leute sind halt auf nem Festival von Donnerstag bis Sonntag durchgehend voll und wollen dann Montag nur noch so schnell wie möglich weg. Um sicherzugehen, dass da die Leute genug Müll mitnehmen, müssten da schon Sonntag Nacht und Montag ständig Kontrolleure rumlaufen, aber das ist wahrscheinlich auch wieder viel zu aufwändig. Und dann sagt eh jeder „der wars“. Und das mit dem Geld zieht nicht, wenn die paar Euro den Leuten wichtig wären, würden nicht nach jedem Festival etliche Zelte und Pavillons (*hust*) auf dem Gelände stehen bleiben.

  4. Danke für den Wink mit der Zeltstange ;).

    Und, ja, ich sag ja: Das muss im Kopf sich ändern. Und das wird wohl noch etwas dauern…

  5. Ich habe schon recht viele Festivals besucht und war dieses Jahr zum ersten Mal auf dem Southside. Und ganz ehrlich, kein anderes Festival hat so ein großes Müllproblem. Was eigentlich sehr schade ist, weil das Southside an sich ein tolles Festival mit sehr angenehmer Stimmung ist.

    Dem Veranstalter kann man da wenig Vorwürfe machen. Der wirkte auf der Pressekonferenz angesichts der Müllberge auch sehr hilflos. Da scheint sich eine besondere Mentalität bei den Besucher eingeschlichen zu haben. Was erstaunlich ist, da eben auch viele Schweizer dabei sind und auf den Festivals in der Schweiz die Müllvermeidung und -beseitigung vorbildlich funktioniert.

  6. dieses Jahr wurde ja auch ein Wettbewerb gestartet zwecks Müllbeseitigung – ob da was bei rauskommt?

    Wir hatten Müllsäcke an unseren Pavillionstangen – da ist am ersten Tag der ganze Müll drin gelandet – am letzten Tag war aber dann doch recht viel Müll herumgelegen. Naja….ich hab meinen Part getan und nen gut gefüllten Müllsack abgegeben – aber vor allem am letzten Tag denken manche einfach nur noch sie müssten sich extra-assig benehmen… schade!

  7. @Danny: Ok, das gibt mir dann wenigstens einen Funken Hoffnung in die Menschheit zurück…

    @Manuel: Ja, den gab’s bei uns auch. Aber genutzt wurde der nicht sooo sehr, wie ich mir das dachte. Naja. – Und ich denke nicht, dass der Wettbewerb etwas bringt. Spricht genau die falschen Leute an.

  8. Tjoa, der Müll. Gefühlt war unser Platz hinterher der sauberste überhaupt. Die Müllsäcke standen zwar noch rum, weil wir keine Lust hatten, uns 30 min in der prallen Sonne für die Rückgabe des Mülls anzustellen. Aber immerhin waren es nur eine handvoll Säcke mit zusammengesuchtem Müll und nicht eine handvoll Quadratmeter, mit zusammensuchbarem Müll.

    Das mit den Sanitäranlagen auf dem Southside ist aber kein Southside-Problem sondern allgemein ein Festivalproblem. Und auf dem Southside ist es, wie ich bisher gehört habe, noch vergleichbar gut geregelt. Allgemein sollte man sich nie in die Nähe der Klos/Duschen pflanzen. Auch Zäune sind sehr ungeschickt.

    Das mit der abnehmenden Kreativität hab ich auch gemerkt, lag aber wahrscheinlich auch teilweise an uns. Immerhin waren wir alle irgendwie kaputt und verbrannt und hatten wenig Lust, rumzulaufen. Und ich denke, es ging vielen ähnlich. Dafür hat der letzte Abend nochmal einiges rausgerissen. Als Stichworte: mobile Partyzelte (aka Pavillions), Lanzenkämpfe und spontane Trommelkonzerte.

    Aber ich will nicht zuviel spoilern, gibt ja demnächst den ausführlichen Bericht bei mir im Blog *fg*

  9. @Manuel: Jo, das ist richtig, wir haben uns auch nicht unbedingt löblich daran gehalten, den Müll direkt in den Sack zu stopfen. Fand ich persönlich aber nicht schlimm, wenn ich gerade gemütlich im Stuhl sitze, dann schmeiße ich meine Dose halt aufn Boden. Vor allem, wenn die nächste schon bereit steht und ich nicht aufstehen muss.

    Dafür heißt es dann hinterher eben mehr aufräumen. Hab ich auch gemacht. Einmal mitten drin und einmal am letzten Abend. Und vor allem am letzten Abend war danach wirklich nichts mehr an Müll aufm Boden (mal von ein paar Kohlenresten abgesehen). Von oben sah das bestimmt wie ein Kornkreis im Müllfeld aus 🙂

  10. Oundré lebt! Wo bist du!? 😉
    Sanitäranlagen: Ich fand die Sanitäranlagen eigentlich ok! So wollte ich das zumindest schreiben. Bei 50.000 Mann muss man halt anstehen. Und dass so wenig Wasser aus den Duschen kam, war schade, aber auch verkraftbar. Was ich allerdings scheiße fand, ist, dass Leute von hinten an die Dixies gepinkelt haben. Ich finde, das geht gar nicht. – Und ja, das ist ein allgemeines Festivalproblem.
    Kreativität: Jap, da ist unsere sonnen- und schlafmangelbedingte Lethargie gepaart mit dem, was die andren auch haben – nämlich etwas ähnliches. Klar, dass man am letzten Tag nicht mehr die Power hat wie beim ersten :).
    Von diesen Lanzenkämpfen hat mir der Peter am Montag bei den Pfadis erzählt, der war auf dem Hurricane und hat immer „Ist da noch jemand im Zelt?“ 21 … 22 … 23 „Für Sparta… whaaaa!“ und drauf ;). Lustig, irgendwie.

    André, von dem Kornkreis hätt ich gern ein Bild gesehen 😉 Hast du eines gemacht?
    Und das mit dem Müll: Ich finde das ok, wenn man da sitzt und zwei Bierdosen tirnkt, dass man die dann erstmal liegen lässt. Aber dann sollte man wirklich dran dneken, beim nächstne Aufstehen sie mitzunehemn. Und ich weiß nicht, ob das bei jedem so klappt… Naja.
    Denke, wir waren trotzdem noch relativ vorbildliche Camper da. Das Trockeneis musste halt weg… 😉

  11. Mit Lanzenkämpfen meinte ich eigentlich etwas anderes, auf Zelte sind wir nicht losgegangen. Ich habe den Böhm auf die Schulter genommen, er eine ca. 5-6m lange Fahnenstange in die Hand genommen und dann auf die Menge zugelaufen (natürlich ohne wirklich jemanden zu treffen zu wollen). Dummerweise sind wir beim letzten Spurt auf das heimische Zeltlager auf dem letzten Meter über eine Zeltschnur gespolpert, vielmehr ich. Dann lagen wir erstmal, der länge nach, und lachten ca. 4 Minuten 😉

    Der Müll: Nein, kein Foto von, war mir zu stressig, die Kamera wieder rauszukramen.

    Und ich bin momentan immer noch in Konstanz, muss mir gerade ein paar Stunden die Zeit vertreiben und dachte mir, ich bemächte mich einfach mal des PCs. Komme morgen wieder nach Aachen.

  12. Was die Müllsäcke angeht, letztes mal bei rar haben wir unsere auch an den Pavillon gehängt, Montag morgen waren die weg, da hat sich jemand dann das Müll aufsuchen gespart und wir standen dann ohne Müllpfand da. Stattdessen haben wir diesmal nen Karton für den Müll hingestellt, der wurde aber von niemandem als Müllkarton identifizert, dafür aber der Sack mit dem Essen drin ;). Und da wir zusammen mit ein paar spontan kennengelernten Zeltnachbarn unsere Pavillons zusammengstellt hatten, und dann mit 6 Pavillons da viel Platz hatten und oft auch andere Leute dabei saßen, hat sich halt niemand für irgendwas verantwortlich gefühlt. Wobei wir hatten wenigstens Glasflaschen statt Dosen dabei und haben dann auch alles Pfand, was noch auffindbar, wieder mitzurückgenommen, was schon mal verglichen mit Bierdosen einiges an Unterschied macht. Sauber wars hinterher natürlich trotzdem nicht.

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