Buch: Sergej Lukianenko – Spektrum

Martin Dugin ist, ganz anders als es sein Name vermuten lässt, russischer Staatsbürger und lebt in Moskau. Wenn er gerade nicht mit seinem Onkel die unendlichen Weiten der kulinarischen Kochkunst erforscht, betätigt er sich als Privatdetektiv. Sein Spezialgebiet ist alles, was sich außerhalb der Erde abspielt. Ein interstellarer Privatdetektiv sozusagen. Er gehört mit zu den Großen und Erfolgreichen seiner Riege und verfügt über einen guten Ruf. Denn er kann eines besonders gut: Geschichten erzählen.
Vor ein paar Jahren kamen aus heiterem Himmel die Schließer auf die Erde. Eine außerirdische Rasse, die entfernt an haarige Big-Foots erinnert. Sie brachten zwei Hand voll Torstationen auf die Erde und verteilten sie auf die Großstädte aller Kontinente. Die Stationen sind Teleportapparate, die auf mysteriöse Art zu einer anderen Torstation teleportieren. Zuvor muss der Reisende allerdings eine Eintrittsgebühr bezahlen: Er muss die Einsamkeit und die Langeweile der Schließer durch eine gute Geschichte vertreiben. Was gut und was schlecht ist, das scheint völlig willkürlich im Ermessen der Schließer zu liegen. Martin hat die Erfahrung gemacht, dass persönliche Geschichten, Geschichten, die sich mit tiefsinnigen Gedanken auseinandersetzen und idealerweise sogar über eine Sinnesänderung verfügen am sichersten die Reise auf einen anderen Planeten einleiten können.
Eines Tages kommt ein wohlhabender russischer Geschäftsmann auf ihn zu. Seine Tochter Irina ist verschwunden – er vermutet, dass sie sich auf einen fremden Planeten befindet. Martin soll sie wiederfinden. Ist eigentlich nicht so komplex, wie es sich zuerst anhören mag. Martin hat häufiger nach vermissten Personen gesucht. Und auch Irinas Fährte hat er relativ schnell aufgespührt: Sie ist bei ein paar Forscher-Hippies auf dem Planeten „Bibliothek“. Die Gruppe ‚Wissenschaftler‘ möchte herausfinden, was die in Stein gemeißelten Schriften bedeuten, die überall auf dem Planeten verteilt sind.
Martin findet Irina endlich, doch bereits nach einem kurzen Plausch wird sie von einem Tier getötet. Von einem Tier, was normalerweise nie tötet. Das ist gar nicht in seinem Gehirn vorgesehen. Seltsame Sache, aber passiert schon mal.
Irinas letzte Worte schwirren Martin auf der Erde immer wieder im Kopf herum. Als er schließlich herausgefunden hat, was sie bedeuten und er ihnen folgt, steht auf einmal wieder Irina vor ihm. Lebendig.

In sieben Kapiteln, die passend zum Titel des Buches die sieben Farben des Regenbogens tragen1 geht es um die Suche nach Irina und die Suche nach den Schätzen des Universums. Oberflächlich. Eigentlich geht es um wesentlich mehr.

Was ich zu aller erst an Spektrum feststellen musste, war die eloquente Sprache des Herrn Lukianenko2. Zum Anfang hin war das sogar störend. So sehr, dass ich das Buch über ein halbes Jahr zur Seite legte und lieber anderweitig fremdlas. Irgendwann kam ich dann aber wieder auf Spektrum zurück und las weiter. Und nach ein paar Seiten war von der anfänglichen Sprachabstoßung keine Spur mehr. Das Ärgernis wandte sich in erfrischende Andersheit – wenn sie denn überhaupt einmal auffiel.

Apropos Andersheit. Was ich dann feststellte: Russland. Die meisten Geschichten, die ich bisher gelesen habe, waren aus der Sicht eines Amerikaners erzählt. In Amerika. Gut, Deutschland hatten wir auch schon. Der Rest Europas ebenfalls. Allerdings immer Länder, die man im Volksmund als ‚westlich‘ klassifiziert. Russland hatte ich noch nicht. Spektrum spielt aber genau da (zumindest, wenn nicht gerade auf einem anderen Planeten). Zum Einen ist auch das erfrischend. Es gibt andere Sichtweisen (zumal allerdings storybedingt die armen Regionen der Moskauer Vorstädte umgangen werden, die ich zumindest im Kopf habe, wenn ich an Moskau abseits der post-Zar-Ära denke) und andere Charaktere als aus dem typischen amerikanischen Thriller. Zum Anderen ist das befremdlich und seltsam. Besonders gemerkt habe ich das in den vielen Prologen, die sich allesamt um’s Essen drehen. Da werden dann Mahlzeiten konsumiert, von denen ich die Zutaten noch nicht mal in ihrer Sorte bestimmen könnte.

Martin ist eine Person, die von Lukianenko mindestens genauso ambivalent dargestellt wird, wie meine Wahrnehmung der russischen Kultur ist. Er ist sehr sympathisch, ist der intelligente, fast spießerhafte Genießertyp (wie er sich ja später auch selbst bezeichnet), der immer die Kontrolle über die Situation zu haben scheint, sich ausführliche Gedanken über die Problemlösung macht und uns an ihnen teilhaben lässt. Aber da fängt, zumindest empfinde ich das so, die Ambivalenz an: Wie aus heiterem Himmel, ganz plötzlich hat Martin das Rätsel gelöst; spricht er zu den Schließern in doppeldeutigen Bildern, die komplette sozialanalytische Studien repräsentieren und völlig losgelöst von allem Vorherigem aus dem Nichts erscheinen. Das wirkte wie aus einem schlechten Film, wo der Held nur aus der Schlucht gezogen werden kann, weil zufällig ein Bodybuilder-Wanderer vorbeikommt. Nur auf einer anderen, weil meist theoretischen und dadurch etwas befremdlichen Ebene. Stellenweise fragte ich mich, ob ich zu dumm war, um die Genese seines Gedankens zu verstehen, aber mehrmaliges, genaueres Lesen der vergangen Seiten ließen mich beruhigt „nein“ denken.

Überwältigt war ich stellenweise von den Ideen, die Lukianenko hat. Teleportstationen, klar, sowas ist im Trend, nicht erst seit Stargate. Aber verwaltet von einer anderer Macht, die nichts weiter will als Geschichten? Spoiler: Und das letztlich nur zum Willen des Reisenden, um ihm durch Selbstreflexion ein „Aufstieg“ auf eine höhere Ebene des Seins zu ermöglichen…. Das ewige Spiel zwischen möglicher Vorhersehung, möglicher übergeordneter Macht oder Zufall. Und dann die einzelnen Skizzen von außerirdischen Kulturen und ihren Eigenarten. Ihren limitierenden „Kulturmacken“. Dass gerade der Sinn des Lebens die Macke der Menschen ist. Dann die Skizzen von den Planeten mit ihren fast schon mystischen Besonderheiten.
Und das sind nur die offensichtlichen, aller Ideen Lukianenkos. Wie so vieles in Spektrum, verbergen sich bei genauerem Hinsehen und Nachdenken ein paar interessante Gegebenheiten unter der Oberfläche.

Die Prologe zu den Kapiteln, die allesamt kulinarischen Inhalt haben, erschließen sich mir allerdings nicht so ganz. Das Gefühl habe ich zumindest. Das Buch ist vollgestopft mit tiefsinnigen und bedeutungsschweren, mit metaphorischen Zeilen. Aber in den Prologen kann ich beim besten Willen so gut wie nichts davon finden. Schon wieder: bin ich zu doof, oder sind die Prologe absichtlich sehr künstlerische Brüche mit der Restgeschichte und der Reststilistik, so wie es Martin als (übertrieben) schizophrene Persönlichkeit zwischen Genießertyp und Detektiv ist3?

All das, was mich am Buch stört, kulminiert im letzten Kapitel; in der letzten großen Szene. Ohne hier zu viel über das Ende verraten zu wollen, dort wird schnell gesprungen, Lösungen nur angedeutet, Dilemma in Stichwörter diskutiert und auf einmal ist da die Lösung.
Aber auch alles, was ich am Buch gut fand, kulminiert dort. Im letzten Kapitel. Lukianenko baut geschickt seine Geschichte dorthin gehend auf und schafft es dieses Mal, dass man der Genese folgen kann. Gut, die ‚Schießerei‘ ist etwas episch und langatmig, aber wohl weil ich schon wusste, worauf die Lösung so ungefähr hinauslief und es kaum erwarten konnte, eine Bestätigung zu erlangen.
Die Zeilen sind jetzt etwas kryptisch, für Nichtkenner dieses Buchs. Aber wenn ihr das Buch hinter euch habt, dann könnt ihr ja nochmal vorbei schauen und dann sagen, ob es euch ähnlich ging.

Auch wenn das Buch ein paar negative Eigenschaften hat (und aus meiner Beschreibung könnte man sogar denken, es seien einige — aber das ist nicht so!), ich kann es für (Soft-)Science-Fiction-Möger uneingeschränkt empfehlen. Die sprachgewandte und illustere Schreibweise, die schönen kleinen Ideen, das große Rätsel, welches über allem steht sind absolut lesenswert.

8 von 10 „Einsam ist es hier und traurig.“

Wer selbst einmal hineinschauen möchte, der findet auf der Verlagsseite von Heyne eine recht üppige Leseprobe der ersten 40 Seiten des Buchs. Noch eine Rezension gibt’s auf der Lukianenko Fan-Seite imzwielicht.de.
Direkt kaufen kann man das Buch z.B. über diesen Amazon-Partnerlink, bei dem ich Juwelen im Wert eines kleinen Schlucks Cola mitverdiene!

  1. Der originale, russische Untertitel ist ein Merkspruch, mit dem man sich die Farben in der richtigen Reihenfolge merken kann — wie ich bei meiner Nachherrecherche feststellen durfte. []
  2. Den man übrigens von „Wächter der Nacht / Tag / Bundeslade“ kennen könnte. Spektrum ist allerdings wesentlich weniger Horror, wesentlich weniger Fantasy und dafür viel besser. Jawohl []
  3. Negativ könnte man hier auch Fragen, ob vielleicht die Prologe unbeding als Füllmaterial hineingepresst werden mussten. Tun wir aber nicht. []

4 Gedanken zu „Buch: Sergej Lukianenko – Spektrum

  1. Also an mir wirst du wohl keine Juwelen verdienen, das tut mir jetzt sehr leid 😉 Klingt nett, aber nun für mich nicht so, als würde es mich vom Hocker reißen. Was durchaus daran liegt, dass ich definitiv kein (Soft-)Science-Fiction-Möger bin und somit hier an sich völlig falsch *g* Aber wie immer hält mich so was nicht davon ab völligen Unsinn in anderer Leuts Kommentare zu knallen…*hm* Ich geh dann besser mal 😉

  2. Wenigstens weiß ich jetzt, dass es da draußen jemanden gibt, der sich doch diesen Text durchgelesen hat ;). Immerhin etwas :).
    Gut, Sci-Fi sollte man zumindest grundsätzlich etwas abgewinnen, um dieses Buch zu mögen. Aber ich finde ja, man muss kein Fan von Star Trek sein, um Soft-Sci-Fi nicht als schlecht zu empfinden. Immerhin geht es dabei häufig um Skizzen von zukünftigen Problem und Visionen. Und das, finde ich, kann man gar nicht genug belesen (gut, das revidiere ich direkt: Irgendwann ist wohl da auch ein Sättigungspunkt erreicht :D).

    Juwelen verdienen werde ich wohl hier nie. Aber wenn ich irgendwann mal über die Grenze komme, bei der Amazon mir Geld überhaupt ausbezahlt, dann wäre ich ein klein wenig froh :). (Ich glaube, es sind 20 Euro.)

    Findest du solche Amazon-Partnerlinks zu penetrant?

  3. Tja die Frage mit der Email kann ich dir nun nicht beantworten. Die fällt in die Kategorie „Mysterien des Internets“ und wird wohl nie beantwortet werden.

    Was deine Juwelen angeht, den Versuch ist es wert, wenn du mich fragst 😉

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