Andi erklärt: G8-Gipfel

Liebe Kinder. Ihr habt gerade eure Eltern nach einem von diesen tollen Bonsaicrackern gefragt, aber keine Antwort bekommen. Und auch Sojapudding gibt es nicht, genauso wenig wie diese lustigen Kekse, die ihr mal heimlich genascht habt. Es bleibt euch nichts anderes übrig als im Meditationszimmer mit der bunten Frühlingsblumentapete weiter mit Knete zu spielen, irgendwann kriegt ihr sicherlich dieses irre komische VW-Bus-Replikat hin. Aber wieso geben euch eure Eltern nichts von den Süßigkeiten ab? Nun, ganz einfach: Sie sind nicht da. Als Onkel Ernst angerufen hat, sind sie überstürzt abgehauen. An die Ostsee — zum Demonstrieren. Zum Demonstrieren gegen den G8-Gipfel.
Aber G8-Gipfel, was ist das eigentlich?

G8 und G8-Gipfel

Ihr kennt es doch sicherlich, wenn bei euch im Dorf die grün-weißen Fähnchen aufgehängt werden und dann lustige Männer mit lustigen Klamotten im Dorf rumlaufen. Richtig: Schützenfest. Und der G8-Gipfel, der ist nichts anderes als das Schützenfest. Nur etwas größer.
Ein Haufen Leute, die sich selbst viel zu wichtig nehmen, erfinden eine Art Fest, das aber in Wirklichkeit überhaupt keines ist, sondern nur dafür da ist, um zu zeigen, wie wichtig die Leute denken, dass sie wären und sich eigentlich nur möglichst pompös selbst huldigen wollen. Das Festkomitee besteht aus den sieben Ländern, die den Rest der Welt am effizientesten ausnehmen können — und Russland, das vor einiger Zeit mal ausnehmen konnte und jetzt eigentlich nur noch groß ist. Diese sieben Länder sind die blöden USA, das geheimnisvolle Japan, das alte England, das leckere Frankreich, das faule Italien, das waldige Kanada und das coole Deutschland. Ja, denn obwohl Mami und Papi immer sagen, dass es ihnen so schlecht geht und sie ihre Schuhe einen Monat länger tragen müssen: Deutschland ist auch am Start.
Bei dem Fest kommen alle diese Länder zusammen. Trinken und Essen. Albern rum und haben Spaß. Außerdem unterhalten die sich. Zwar nur ein paar Minuten, dafür aber über sauwichtige Dinge! Was das ist, das ändert sich andauernd. Aber häufig unterhalten die sich über den Bauernhof der Gebrüder Afrika am Ende vom Ort. Die mag zwar irgendwie keiner, aber der ist nun mal da und jeder Bewohner spricht dauernd über sie. Außerdem sprechen alle immer häufiger über Großvater Klima, der irgendwo im Dorf rumhängt, aber irgendwie auch nicht mehr das ist, was er mal war. Hinter vorgehaltener Hand reden die Leute vom Festkomitee aber über viel interessantere Dinge! Wie man am coolsten Tante Sybille enterben kann. Oder wann die Straßen zwischen den einzelnen Mitgliedern endlich geteert werden, damit man Milch gegen Getreide tauschen kann. Außerdem kann man sich ja auch schon mal zum gemeinsamen Jagen verabreden. Die Terroristen sollen dieses Jahr ziemlich fett sein! Und irgendwer schwört, er habe gesehen, wie sich eine ganze Horde am nahen Ostrand des Orts irgendwo versteckt hat.
Ihr seht, da kann man sich schon mal den Mund ganz schön trocken reden, so wie bei Fräulein Anika an der Tafel in Mathe.
Das Fest findet jedes Jahr statt, genau so, wie ihr es auch kennt. Und jedes Jahr wird ein neuer Schützenkönig aus einem der Länder gekrönt. Der Schützenkönig muss der G8-Horde Unterschlupf gewähren. Ungefähr so, wie beim Besuchen vom Geburtstag von Kevin, der gesagt hat, ihr dürftet zu seinem Geburtstag, wenn ihr dafür das coole Pausenbrot mit den Sojakeimen drauf abgebt.
Und in diesem Jahr, das mit der Sieben hinten, da ist die Angela dran. Der Angela gehört sozusagen unser Deutschland. Und deswegen findet dieses Jahr der G8-Gipfel bei uns statt. Genauer in einem kleinen Ort mit dem lustigen Namen „Heiligendamm„. Das liegt im ehemaligen Osten (das ist da, wo die Leute damals so voll steif und schwarz-weiß und so waren, ihr wisst schon) an der Küste der Ostsee und sieht voll schön aus, ist aber kein bisschen heilig. Aber eben weil es so schön aussieht, ist es der Treffpunkt für die Gipfelleute. Die sollen ja nicht denken, Deutschland sähe aus wie Wanne-Eickel oder euer Wildgarten.

Sicherheit I

Bei soviel Dorfprominenz in einem Hinterhof, da werden die Polizisten alle ziemlich zittrig. Kann man ja auch verstehen. Wie sähe das aus, wenn Franz eine Fensterscheibe einschlagen würde? Und wenn den Stein dann auch noch einer abbekäme, womöglich sogar aus dem Festkomitee… Ohje! Weil die Leute von der Polizei nicht nur rumzittern, sondern sowieso voll gelangweilt sind (Fußball-WM war letztes Jahr, die RAF ist auch schon was länger her, und Züge sind auch lange nicht mehr entgleist) denken die sich was voll craziges aus. Die Bauen nämlich so Zäune um Heiligendamm.
Zäune? Na klar! Ein einziger Zaun ist doch total ordinär, außerdem sähe das dann aus wie ein billiges Gefängnis. Nee, die machen lieber zwei Zäune für ca. 56123 Billionen Euro (dafür kriegt man mehr als 10 Lutscher!) und dazu noch eine Bannmeile und sowas. Über die Zäune darf keiner drüber und auch die Bannmeile darf keiner betreten. So überhaupt-nicht-betreten! Und selbst wenn man aus Heiligendamm kommt, dann muss man durch richtig viele Kontrollen und richtig viele Ausweise dabei haben.
Und weil das noch nicht an Sicherheit reicht, haben sich die Leute um den obersten Streitwagenführer herum etwas Fetziges ausgedacht: Auch um die Bannmeile, die ja sowieso keiner betreten darf, herum darf man sich nicht versammeln! Ihr kennt das doch aus den alten Mittelalterbüchern. Sobald man sich zu mehr als zu drei Personen auf der Straße traf, da wurde man verhaftet oder einem wurde die Hand abgehackt oder so was. Heute ist das ja zum Glück anders. So ein paar ziemlich coole Leuten haben mal vor einiger Zeit ein paar ziemlich coole und wichtige Zeilen Text ausgearbeitet (nee, nicht die Bibel!): Das Grundgesetz. Und da steht drin, dass man sich Versammeln darf. Und weil da auch drin steht, dass man immer seine Meinung sagen darf, kann man das zusammenbringen und hat so das Demonstrationsrecht. Ihr wisst schon, Demonstrationen sind die Dinger, wo so viele Leute mit langen Bärten rumlaufen, sich bunt anmalen, noch viel buntere, bemalte Plakate hochhalten und im gleichen Takt irgendwelche seltsamen Parolen brüllen. Ja, genau solche Plakate, die auch bei euch links an der Wand im Meditationszimmer lehnen.

G8-Gegner

Es gibt einen Haufen Leute, die mögen das Schützenfest, also den G8-Gipfel nicht. Ihr erinnert euch noch an die Menschen mit den Haaren, den Klamotten und dem Bart von dem Castortransport? Das sind die! Die sind auch hier wieder dabei und demonstrieren was das Zeug hält. Gegen die G8, weil Kapitalismus (das ist so was wie Geld) blöd ist. Weil Imperialismus (das ist so was wie in der Einfahrt vom Nachbar parken) blöd ist. Weil Ausbeutung (Lutscherklauen) ungerecht ist. Weil 8 keine Primzahl ist. Und demonstrieren gegen den Gipfel, weil das alles so sauteuer ist. Und weil alles unmenschlich und verfassungswidrig (ihr erinnert euch? Keine Demonstration!) ist. Und weil die Leute eben gerne demonstrieren. Gute Gründe also, auch dieses Mal wieder vor Ort zu sein, bunte Banner hochzuhalten und im Takt Parolen zu brüllen.

Sicherheit II

Nur, das ist jetzt ein wenig blöd. Die Polizei ist ja eben zittrig und will nicht, dass man sich versammelt und dass man demonstriert. Das wiederum finden die Demonstranten verständlicher weise echt mal nicht so toll, sie können ja schließlich keine Demonstranten sein, wenn sei nicht demonstrieren! Und deswegen… demonstrieren sie gegen das Demonstrationsverbot. Verhext, was? Ein Teufelskreis, ein verhexter Teufelskreis also, so wie der Hund, der sich in den Schwanz zu beißen versucht.
Und ob das nicht schon genug Stress für alle wäre, ist die Polizei so zittrig, dass sie ein paar Leute sogar zu Hause be- und ihre Post durchsucht und sogar Kleidungsstücke von ihnen als Geruchsprobe nimmt. Das finden dann noch mehr Leute echt nicht so toll und gehen zu den Demonstranten von oben oder beschweren sich einfach nur.
Die Schützenkönigin scheint das alles aber irgendwie gar nicht zu interessieren. Die macht weiter ihre Parade und freut sich, dass ihr Komitee zum Hallosagen da ist. Auch den Oberstreitwagenfahrer interessiert das nicht. Der sagt immer nur, für ihn sei die Sicherheit das Wichtigste.

Die Leute vom G8-Gipfel treffen sich also fröhlich, Deutschland macht einen Ort an der Ostsee so sicher, wie es noch nicht einmal der Führerbunker vor sechzig Jahre war, ein großer Haufen Leute findet die Leute vom G8-Gipfel richtig blöd und ein nicht ganz so großer Haufen Leute findet das Sichermachen von dem Ort an der Ostsee noch blöder. Und alle haben jede Menge Spaß, für jeden ist etwas dabei.
Das geht dann ein gutes Wochenende so, das Sparschwein von Deutschland wird mit einem großen Hammer zertrümmert, aber dann ist auch alles wieder gut. Die Demonstranten rollen ihre Plakate ein. Der Zaun wird wieder abgerissen. Das Demonstrationsrecht wieder initiiert. Nächstes Jahr hat den Stress jemand anderes an der Backe (z.B. Japan). Und in ein paar Monaten werdet ihr nur noch denken „Heiligendamm? Heiligendamm? Waren da nicht meine Eltern im Urlaub?“ Doch, waren sie. Onkel Ernst hatte sie angerufen.

Bald bei „Andi erklärt“: Warum haben Katzen Fell, warum fließt Wasser nicht bergauf und wie werde ich eigentlich reich? Außerdem: Hosen ohne Bügeln bügelglatt machen.

6 Gedanken zu „Andi erklärt: G8-Gipfel

  1. Hey Gipfelbeobachter! Das freut mich, dass es auch ‚Professionelle‘ wie dich nicht langweilt, einen amateurhaften Post dieser Kategorie zu lesen :).

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