Treme

New Orleans.
Stadt im Süden der USA. Küstennah. Hauptstadt von Louisiana. Jazzmetropole. Hurrikan Katrina 2005.

Das ist so ungefähr das, was ich über New Orleans weiß. Oder besser: Wüsste. Wenn ich nicht Treme schaute.

Und darum soll’s in diesem Blogpost gehen. Um einen Lobgesang für eine viel zu wenig beachtete Serie namens Treme.

Zurück zu New Orleans. Als 2005 die Deiche in New Orleans brachen, brachen eigentlich gar nicht die Deiche, sondern Kanäle und ließen einen nahen See in die Stadt laufen. Ganze Ortsteile wurden über- und Häuser unterschwämmt, worauf sie häufig zusammenbrachen, mindestens aber unbewohnbar wurden. Die noch nicht aus New Orleans geflüchtete Bevölkerung versuchte man erst im Superdome unterzubringen1, evakuierte dann aber in andere Städte, als auch die Halle immer flutgetroffener wurde. Schrittweise wurde die Stadt evakuiert und verschiedene Ausnahmezustände ausgerufen.
Erst zwei Monate nach Katrina, Ende Oktober 2005, war die Stadt wieder trocken.
Besonders hart getroffen waren Viertel New Orleans, in denen Arme wohnten. Sozialwohnungen überflutet, die mühsam angesparten Häuser zerstört.

Stück für Stück, manche erst ein Jahr nach dem Sturm, kommen die Heimischen zurück von ihren Familien im Restland und finden ein gewandeltes New Orleans wieder – gelittene Straßenzüge, Müll, Kriminalität, geschlossene Geschäfte. Aber sie finden auch ein New Orleans wieder, das sie vor dem Sturm sehr gut kannten – farbenfrohes Straßenleben, unzählige Pubs und Clubs, voller Live-Musik und Lebensfreude.

Treme setzt vor dem vorherigen Absatz ein. Genauer gesagt: Drei Monate nach Katrina.

Die Serie begleitet verschiedene Bürger New Orleans, wie sie wieder Fuß in die Stadt setzen. Jeder hat dabei seine eigene, im Wechsel erzählte, Geschichte, die zwar individuell ist, aber immer auch ein typisches Problem von Post-Katrina New Orleans behandelt.
Mindestens zehn dieser Geschichten werden parallel erzählt2, manchmal aber gibt es sogar 15 Stories, die nebeneinander laufen — und teilweise interagieren. Das mag viel klingen, das ist auch viel, aber es wird an keiner Stelle unübersichtlich oder verwirrend. Alle Charaktere werden liebevoll und intensiv eingeführt und nicht immer kommen alle 10+ε Geschichten in einer Episode vor, der Fokus ändert sich laufend.

Meine Lieblingscharaktere in Treme sind Antoine Batiste und Radio-DJ Davis. Ersterer ist Posaunist und hält sich und seine Familie nach Katrina durch Auftritte in den unzähligen Bars über Wasser. Rhythmus hat er im Blut und sein Job macht ihm meistens mehr Spaß als seine Familie. Aber Antoine entwickelt sich weiter, arrangiert sich mit seinem Familienvaterdasein und findet einen festen Job. Nur marginal weiter entwickelt sich allerdings Davis. Der ist Radio-DJ, wird aber dauernd gefeuert, weil er viel zu enthusiastisch schwere Jazz-/Blues-Platten im Nachmittagsprogramm spielt. Überhaupt: Enthusiasmus. Alles, was er anpackt, erfreut ihn zu 150% — besonders, wenn’s etwas mit der Musikszene von New Orleans zu tun hat.

Aber das sind nur zwei der Handlungsstränge — wieso die beiden mir besonders gefallen, kann ich nicht sagen3. Daneben gibt’s noch Ladonna, die wider allen Umständen ihre Bar in New Orleans weiter betreiben möchte; Köchin Janette, deren beruflich Existenz durch Katrina zerstört wurde4; Straßenmusiker Sonny mit seinen Drogenproblemen; seine Freundin Annie, Straßen-Violinistin, die gerade ihren Durchbruch erlebt; Delmond Lambreaux, der seinen Durchbruch grad erlebt hat und erfolgreich New York bespielt; Big Chief Lambreaux, sein dickköpfiger Vater, dem die indianische Kultur so am Herzen liegt; Anwältin Toni Bernette, die gegen Polizeigewalt und -verschleierung kämpft, samt ihrem Ehemann und ihrer heranwachsenden Tochter; Polizeikommissar Terri, der einsame Pfahl von Recht und Ordnung im korrupten Polizeirevier; und noch ein paar Seitengestalten, wie den Stadtentwickler Nelson und den Investigativreporter Everett.

Alle haben ihre ganz persönlichen Windmühlen, gegen die sie im New Orleans nach Katrina ankämpfen. Manche klein, manche groß.
Alle werden detailliert und aufrichtig erzählt. Immer wird das Leben in New Orleans portraitiert, aus einem anderen Blickwinkel.

Es geht sehr viel um Musik. Dauernd sind wir in Bars und nehmen an der Kultur der Jazzmetropole teil — immerhin gehören zu den Charakteren ja auch ein paar Musiker. Für mich macht gerade dieser Aspekt Treme so ansehbar. Ich mag Jazz und mag, wie die Jazzkultur in Treme dargestellt ist.
Aber, neben den verallgemeinernden Einzelschicksalen und Musik5, geht es in Treme auch um die Mardi-Gras-Kultur in New Orleans. Das ist eine Art Karneval, den man vermutlich am ehesten durch die bunten Ketten (»Beads« – Rosenkränze) kennt, die man für den Spring Break noch weiter amerikanisiert hat. In bunten Umzügen mit ganz viel Musik geht’s quer durch New Orleans. Die Stadt hat eine Menge Indianerstämme, für die Mardi Gras traditionell der Zeitpunkt ist, bei dem sie lauthals ihren Clan in der Reststadt bewerben. Dabei tragen sie schwere, bunte Kostüme, die in wochenlanger Handarbeit gefertigt wurden. Eine seltsame Sache — aber toll.

Treme ist voller Lebenskultur der südstaatlichen Stadt, aufrichtig und liebevoll und mit viel Musik erzählt. Sie läuft auf HBO und ist momentan in der dritten Staffel — eine vierte, letzte ist bestellt. Einige Awards wurden gewonnen, Kritiker und lokale New Orleanser mögen sie.

Ihr solltet das auch tun. Nach dem Bild gibt’s einen Trailer.

Außerdem, in unrelated News, ich hab mal die Quoten von Treme aufgeschrieben.

  1. Auch so ein Bauwerk, was man aus der Stadt kennt. Heißt mittlerweile »Mercedes Benz Superdome«. []
  2. Ich hab nachgezählt. []
  3. Vielleicht liegt es an der Naivität, wie die beiden an den Post-Katrina-Alltag herangehen? []
  4. Die sich aber nicht unterkriegen lässt. Natürlich nicht. []
  5. Und Gewalt/Polizei. []