Archive for August, 2008

Buch: Douglas Preston – Credo

Achtung, ganz leichte Spoiler voraus…
Wyman Ford war mal bei der CIA. Doch dann passierten Dinge, geheime Dinge, die ihn zum Verlassen des Vereins brachten. Er ging sogar zwei Jahre ins Kloster. Zurück zu Hause gründet er eine private Detektei – deren Aufträge allerdings ausbleiben. Bis er eines Tages zum wissenschaftlichen Berater des Präsidenten bestellt wird. Dieser hat einen Auftrag für ihn: Er soll bei einem neuen, großen Projekt in einem Navajo-Reservat den Vermittler zu den Einheimischen spielen. Außerdem soll er, undercover sozusagen, herausfinden, was da bei dem Projekt los ist, dass es immer noch keine Ergebnisse geliefert hat. Ford sträubt sich, nimmt den Auftrag aber schließlich an.
Das Projekt, um das es geht, ist ein Teilchenbeschleuniger. In dem Ding namens Isabella werden kleinste Teilchen im Kreis angeschupst, bis sie quasi Lichtgeschwindigkeit haben. Dann lässt man sie mit unglaublicher Energie kollidieren und beobachtet, was passiert. Dabei untersucht man in Isabella den Urknall – das Entstehen des Universums. Für 40 Milliarden Dollar wurde der Teilchenbeschleuniger als Antwort auf das CERN in der Schweiz gebaut. Es ist tief eingebettet in die alten Strukturen einer Kohlemine des Red-Mesa-Hochplateus, umgeben von einem Navajo-Reservat.
Das wissenschaftliche Mastermind hinter dem Ringbeschleuniger ist Gregory Hazelius. Nach Nobel- und anderen Preisen und Auszeichnung kam dieser nach dem Tod seiner Frau mit den Plänäen für den nie dagewesenen Teilchenbeschleuniger aus einer zweijährigen Versenkung zurück. Sein Stab besteht aus zwölf, von ihm handverlesenen Wissenschaftlern – allesamt die Besten ihres Fachs. Darunter auch Fords ehemalige Liebe Kate.
Ford findet heraus, dass die Wissenschaftler glauben, etwas wie Gott im Zentrum der Teilchenkollision gefunden zu haben. Es muss aber ein weiterer Test, dieses mal ein viel ausgiebiger Test her, um “K-Null” genauer zu untersuchen.
Während das Team um Hazelius weiter fleißig an ihren Computern in der Wüste Arizonas rumschraubt, ruft der christliche Fernsehprediger Don T. Spates zum Kampf gegen die sekulären Humanisten von Isabelle auf, die dort schließlich mit Milliarden staatlicher Mittel die einzige Wahrheit der Enstehung der Menschheit (nämlich die Biblische) wiederlegen wollen. Seine rechte Hand im Navajo-Reservat ist Pastor Eddy. Dessen Glaube steigt ihm aber schnell zu Kopf und er schickt groß angelegt eine E-Mail an praktisch das ganze christliche Internet. Kurz darauf stehen tausende gewaltbereiter Christen vor den Toren der Red Mesa, bis unter die Zähne bewaffnet mit Schusswaffen und Kochlöffel – bereit, die Titantüre zum Teilchenbeschleuniger zu Stürmen und alle ungläubigen Blasphemiker brutal zu töten.

Ganz schön lange Inhaltseinleitung. Für so ein blödes Buch.

Im Stil von Dan Brown’s Erfolgsgeschichte vermischt Preston in Credo Wissenschaft und Glaube. Urknall-Forscher vs. rechte Terrorchristen1. Dabei greift er das trendige Thema des Teilchenbeschleunigers auf (im CERN wird der größte Teilchenbeschleuniger der Welt am 10.9. in Betrieb genommen – übrigens unter nicht zu knapper Beteiligung der USA). Tatsächlich gibt es auch bei dem Thema (sehr) kritische Stimmen, deren Befürchtungen sich um Schwarze Löcher und Weltuntergang drehen. Mit Sicherheit werden also auch ein paar Terrorchristen dabei sein, die im Teilchenbeschleuniger einen direkten Feind (also vielleicht sogar den Teufel) sehen.
Aber hallo!?
Doch nicht so. Doch nicht mit Tausend-Mann-Revolte. Mit Wallfahrts-Showdown. Das ist wirklich etwas zu dick aufgetragen, Herr Preston. Selbst innerhalb der im Buch etablierten Welt wirkt so eine christliche Eigenbewegung einfach nur künstlich. Einen Kreuzzug im 21. Jahrhundert stelle ich mir anders vor. Auch einen von Terrorchristen.

Und der Rest? Naja.
Die Charaktere sind relativ lasch gezeichnet, die Dramatik ist zumindest “ok”. Die Liebesbeziehung ist auch aushaltbar (bleibt aber hinter ihrem Potenzial zurück…).
Positiv herausheben möchte ich zwei Dinge. Zum Ende hin, als ‘Auflösung’, als Gott des Teilchenbeschleunigers hat sich Preston eine tolle Theorie zurecht gezimmert. Doch, ja, das gefiel mir ein bisschen. Und dann war da der Versuch, Realtiät und Geschichte mit in das Buch einzuweben. Die Kultur und Leidensgeschichte der Navajo-Indianer. Der Schauplatz in der Mesa. Das war alles ok.

Trotzdem.
Das Buch hat mich nicht vom Hocker gehauen. Lies sich zwar ‘mal eben’ lesen, aber hat wegen der Terrorchristen einfach zu viel aufgeregt.

  1. Tolles Wort. Kommt so nicht im Buch vor. Benutze ich aber jetzt trotzdem. []
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Regierungsheimwerken: Die dicken Bretter der Frau Merkel

Man kennt das ja. Da möchte man etwas sagen, was nicht ganz so toll ist oder nicht so sehr hübsch klingt, denkt kurz nach und findet irgendwo in der hinteren Ecke seines Sprachgedächtnis etwas total fetziges: Redewendungen.
Diese versprichwortlichten Metaphern gibt es in allen Sorten, Geschmacksrichtungen und Farben. Unter den Bekannteren der Redewendungen gibt es da für Einsteiger das induziert-selbstkritische “Wer Anderen eine Grube gräbt fällt selbst hinein”, für den hintergangen-schwergewichtigen Ethologen den aufgebundenen Bären, bzw. dessen Dienst, sowie für Familienfeiern im Elefantengehege: “Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste” .
Manche Redewendungen adaptieren sich nur schwer an die Gegebenheiten der Moderne. Kommt die Hiobsbotschaft auch noch in Zeiten von E-Mail und Twitter an? Führen auch alle digitalen Wege nach Rom? Wer hat in Zeiten von Gentechnik und Ernteausfällen die dicksten Kartoffeln?

Bohrer
Ein Bohrer. Geeignet zum Bohren dicker Bretter.
Foto von Jim Frazier

Eine Redewendung, bei der die Sache etwas massiver Aussieht dreht sich um das Bohren dicker Bretter. “Wir müssen dicke Bretter bohren”, “Die Bretter, die wir bohren müssen, werden immer dicker”, “Dünne Bretter bohren kann jeder”. Und. So. Weiter.
Das erzeugte Bild zielt auf die Schwierigkeit einer zu erledigen Angelegenheit und der persönlichen Motivation diesbezüglich an, benutzt dabei im unterschwelligen Subtext einfache, alltägliche, aber keineswegs unwichtige Thematik und bedient sich des deutschen archetypischen Rollenmodells des Handwerks.

Kein Wunder also, dass unsere momentane Lieblingsbundeskanzlerin Frau Merkel gern diese Redewendung benutzt. Gleich auf mehreren Ebenen kann sie schließlich innerhalb weniger Worte mit ihren Rezipienten (Volk, Politiker, Hochlandrinder) eine Verbindung aufbauen.

Schon ganz zu Anfang ihrer Karriere als Bundeskanzlerin fiel sie kurz nach der Übernahme des Zepters 2005 mit der Tür ins Haus. In ihrer ersten Regierungserklärung am 30. November stellte sie fest, dass die große Koalition dicke Bretter zu bohren haben.
Ein Jahr später übernimmt Frau Merkel den nächsten wichtigen Posten, die Ratspräsidentschaft unserer Lieblings-EU. Es sind die Zeiten eines Türkeibeitritts und einer gemeinsamen Verfassung, oder das, was man noch aus ihr retten kann, die sie europaweite dicke Bretter bohren lässt (Rede vom 14. Dezember 2006).

Bohrer
Bohren klappt nicht immer.
Foto von cesarastudillo

Ein paar Sandkörner in unserer Wochensanduhr später (Ende Januar 2007) besucht die Bundeskanzlerin das Weltwirtschaftsforum in Davos – dort, wo sich sonst nur Fuchs, Hase und Skifahrer Gute Nacht sagen. Sie möchte den wirtschaftlichen Austausch mit diesem blau-weiß-roten Land über dem Großen Teich fördern und, jawohl, stellt fest, dass es dicke Bretter zu bohren gibt.

Trends gehen auch an unserer Kanzlerin nicht vorbei. Ständig steht sie unter Strom und ist auf dem neuesten Stand. Gute Trends erkennt sie und weiß sie zu propagieren. So der Klimaschutz.
Anfang 2007 verspricht sie den Sternsingern beim Besuch ihres Buddys George W. Bush den Klimaschutz mit ihm zu diskutieren. Ein halbes Jahr später stippvisitet sie einen anderen Staatschef: Bei ihrem Besuch im Reich der Mitte, in China, bespricht sie mit Premiereminister Wen den Klimaschutz.
Beide Male sind es natürlich dicke Bretter, die zu bohren sind.

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch daran. Die letzten Reste einer Industrie beschwerten sich anfang des Jahres darüber, dass sie mit der modernen Welt nicht mehr klar kommen und sie den Realitätsbezug verloren hatten. Das Ganze packten sie in große Anzeigen und einen offenen Brief an Frau Merkel.
Diese griff das Thema, modern wie sie ist im April in ihrem Podcast auf (Transkript). Natürlich bohrte sie dicke Urheberrechtsbretter.

Vor einem Monat gab Frau Merkel der Wirtschaftswoche ein Interview. Kurz vor dem (politischen) Sommerloch reformierte sie referierend noch fleißig in Wort und Tat. Im Speziellen werde der Arbeitslosigkeitsabbau immer schwieriger. Natürlich sagte sie dies durch DIE Blume. Die dicken Bretter (die an dieser Stelle allerdings noch dicker werden).

Als sie eine Woche später zum Thema der Mittelmeerunion den französischen Staatspräsidenten Sarkozy zu überzeugen ersucht, stellt sie fest, dass dies ebenfalls dicke, bohrbare Bretter sind.

Und ich bin mir sicher, dass Frau Merkel bei ihrem Besuch im April in der RWTH ebenfalls dicke Bretter bohren wollte.

Ja, unsere Frau Bundeskanzlerin ist wahrlich eine prächtige Heimwerkerin – ihre Sprichwortdiversität aber relativ dünn (und die obige Liste ist sicherlich nicht vollständig!).
Ein paar Alternativvorschlage von mir:
- Bretter schmiergeln
- Bretter abkanten
- Bretter fräsen
- Bretter leimen
- Bretter schrauben
Immerhin hätten wir dann am Ende einen fertigen Bundesschrank.

Und immerzu dicke Bretter bohren, das ist doch was für Dünnbrettbohrer.

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