Rezension: Alastair Reynolds – Ewigkeit

Paris. 1959. Jazzmusiker Floyd- nur Floyd, seinen Vornamen mag er gar nicht, zieht durch die Straßen der Stadt. Das Musikgeschäft läuft nicht mehr so gut. Schon seit längerem müssen er und sein Partner Custine sich als Privatdetektive über Wasser halten. Und sich mit so spektakulären Fällen wie dem Verschwinden einer Katze oder gar Ehebrüchen herumschlagen. Aber der kommende Fall scheint alles da gewesene in den Schatten zu stellen. Das spürt Floyd schon relativ am Anfang, als er den Fall übernimmt. Es geht um den seltsamen Selbstmord einer gewissen Susan White. Sie wird auf dem Boden aufgeschlagen, am Fuße eines Mietshauses, nebst ihrer zerschellten Schreibmaschine gefunden. Für die Polizei, die sich in den letzten Monaten keinen allzu guten Ruf gemacht hat, ist die Sache schnell klar: Einfacher Selbstmord. Wieso auch immer. Aber nicht so für den Vermieter von Whites Wohnung, Monsieur Blanchard. Er hatte sich in den letzten Wochen mit der amerikanisch stämmigen White angefreundet und kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie Suizid beginge. Darüber hinaus hält er auch eine ganze Palette an rätselhaften Ungereimtheiten bereit, die den Verdacht vom Selbstmord weglenken: White hat in ihrer Wohnung unzählige Schallplatten, Bücher und Magazine, die sie regelmäßig auszutauschen scheint einen Plattenspieler besitzt sie allerdings nicht. Blanchard hat sie einmal in einem Metro-Bahnhof gesehen, wie sie mit einer schweren Tasche den Bahnsteig entlang ging, plötzlich verschwand um dann schließlich nach einer Stunde ebenso plötzlich mit einer anscheinend leichteren Tasche wieder aufzutauchen. Und das Mysteriöseste: Als hätte sie ihr baldiges Sterben geahnt, bat sie Blanchard eine Woche vor dem Tod darum eine Keksdose für ihre Schwester, die sie sicherlich abholen würde, aufzubewahren. Außerdem tauchen immer wieder diese eigenartigen Kinder auf.
Nach anfänglicher Skepsis übernimmt Floyd den Fall und ist auch sehr schnell davon überzeugt, dass hinter dem augenscheinlichen Selbstmord etwas viel Größeres steckt. Doch bloß was? Der Inhalt der Keksdose besteht aus einer Reihe von Papieren. Karten mit Längenangaben, Baupläne für riesige Aluminiumkugeln und dann noch diese Postkarte mit dem Namen Silberregen. War White eine Spionin? Alles scheint darauf hinzudeuten.
Ortswechsel.
Paris. 2266. Archäologin Verity Auger steuert gerade ein Ausgrabungsgerät durch die vereisten Überreste der einstig blühenden Metropole Frankreichs. Für mehr: sie steuerte gerade. Denn soeben ist der Ausgrabungsroboter abgestürzt und einer ihrer beiden Expeditionsteilnehmer schwebt in Lebensgefahr. Hilfe trifft schnell ein und rettet alle. Der Abgestürzte allerdings ist tot. Für den Moment zumindest: Ein Haufen winziger Nanomaschinen macht sich an ihm zu schaffen und wird ihn wahrscheinlich wieder unter die Lebenden zurückholen. Für Auger allerdings ist das ein größerer Schlag, als ihr zuerst bewusst wird. Ihre vorgesetzten, die VENS (Vereinigung Erdnaher Staaten), möchten den Unfall nutzen um ein Exempel zu statuieren. Niemand solle gefälligst die gefährliche Erde für unkontrollierte Spielchen nutzen. Als sich dann vor dem Entscheidungstribunal auch noch Augers zweites Expeditionsmitglied als eine Slasherin, eine Wesen bestehend aus einer Unmenge Nanorobotern und somit unweigerlich Augers Projektion alles Bösen was ihr und der Welt widerfahren ist, entpuppt, beginnt sie doch langsam zu verstehen, in welche Zwickmühle sie steht. Ihr Chef macht ihr dann allerdings den Vorschlag eines Kuhhandels: Sie solle durch das Hypernetz nach E2 um Dokumente abzuholen, die von großer Wichtigkeit sind. Man erlasse ihr dafür das Tribunal. Auger bleibt nichts anderes übrig und sie willigt ein auch wenn sie keine Ahnung hat, um was es sicht bei E2 handelt. Den ganzen Komplex darum erklärt ihr ihre neue Kollegin Skellsgard: E2 ist ein Planet in einer AGS, eine Anomal Großen Struktur, die von denselben Urwesen im Universum geschaffen zu sein scheinen, die auch das Hypernetz, die wurmlochartige Verbindungsautobahn zwischen noch so weit entfernten Punkten im Universum, gebaut haben. Eine AGS ist ein relativ kleines Fake-Universum. Ein Würfel von der dreifachen Erdgröße in dessen Inneren sich ein Zentralkörper befindet.
Ehe sich Auger versieht, sitzt sie schon in einem Raumschiff und ist dreißig Stunden später an ihrem Einsatzort angelangt. Die Dokumente schafft sie schnell zu besorgen. Aber sie spürt: Da ist mehr. Sie forscht nach, und ehe sie sich versieht ist sie einer riesigen Sache auf der Spur. Es geht um nichts Geringeres als das Überleben von drei Milliarden Erdbewohnern.
Eine actionreiche und wilde Geschichte beginnt.

Reynolds etabliert illustere Hauptdarsteller. Karrieregeile Auger, die für ihre Archäologie selbst ihre Kinder im Stich lässt. Wenn es darauf an kommt verfügt sie natürlich über einen brillanten Geist und weiß richtig zu handeln. Sie scheint eine prototypische Frau des 23. Jahrhunderts zu sein. Und genauso prototypisches ist auch der zweite Hauptdarsteller, auf seine Weise: Floyd ist eigentlich passionierter Musiker und macht die Detektiverei nur um sein Brot zu verdienen. Trotzdem ist er nicht schlecht darin. Auch er verfügt über einen messerscharfen Verstand und weiß Spuren zu deuten, Theorien aufzustellen und geschickte Züge anzuwenden. Er ist der normale, intelligente Bürger der 1960er Jahre, wie wir ihn uns alle sehr gut vorstellen können.
Natürlich kommt es, wie es kommen muss: Die beiden Hauptdarsteller treffen auf einander und verlieben sich trotz ihrer Unterschiedlichkeiten. Romantik pur. Naja, fast zumindest. Was das angeht, gibt es nämlich kein Happy-End. Ätsch!

Ewigkeit ist ein waschechter Science-Fiction-Roman. Richtig mit Raumschiffen, Computermenschen, Galaxisreisen. Antimaterieantrieben. Gravitationswellenanomalien. Mit Untergangsszenarien, Worst-Cases, Krieg zwischen Robotern und Menschenfraktionen. Aber auch mit alternativen Realitäten, Utopiegedanken, Was-wäre-wenn-Ausführung.
Das alles ist auch der Grund, warum ich anfänglich etwas Respekt vor dem Buch hatte. Abgedrehter Freakkram. Hyptertunnelnetze. Nanobots. Tz. Aber wenn man erstmal die zugegebenermaßen etwas verwirrenden Einführungen von Reynolds gelesen hat, dann akzeptiert man die Welt im Buch sehr schnell und nimmt irgendwann Slasher und Stoker als normal an. Reynolds verrät nicht direkt am Anfang alles über diese Welt, erst Stück für Stück im Laufe der Geschichte wird geschickt immer mehr um das dahingeschiedene Paris & Co enthüllt.
Ewigkeit ist ein waschechter Krimidetektivroman. Richtig mit Verfolgungsjagd und Doppelverfolger. Mit verdächtig unstimmigen Tathergängen, mit Indizienvermutungen. Mit korrupten Polizisten und Spionagefällen.
Und das ist der Grund, warum die abgedrehte Geschichte dann doch realer wird, zusätzliche Spannung erhält und den Bogen zum weniger Abstraktem zieht. Weniger freakig wird. Quasi.

Irgendwie ist Reynolds, wie es sich für einen ordentlichen Sci-Fi-Autor gehört, auch ein Visionär. Wie die beiden Genres, verbindet er innerhalb der Geschichte alte und neue Technologie. Wie Menschen als Menschen, Menschen als Mensch-Maschinen-Symbiose und Menschen als Maschinen leben können. Und welche Gefahren damit einhergehen. Er kreiert Problematiken, aber auch Lösungsmöglichkeiten wie sie durchaus im 23. Jahrhundert vorhanden sein können. Er nimmt sich selbst so komplexen Dingen wie Völkern und ihrer Ideale an. Und so sei ihm auch verziehen, dass es, was die Völkerverständigung angeht ein ganz schön kitschiges Ende gibt.

Natürlich erfindet Reynolds den Sci-Fi nicht neu. Hypernetze, Wurmlöcher, Nanobots. Das alles gab es im groben Groben und weniger Groben schon. Selbst die Idee der Universumsurväter kennt man massentauglich z.B. seit Stargate. Aber auf eine sehr brillante weise weiß Reynolds die Grundsubstanzen zu verbinden, ordentlich zusätzlich zu würzen und alles in eine tolle Geschichte zu packen. Sogar ein wenig Truman-Show ist dabei.
Man merkt auch immer wieder den wissenschaftlichen Background des Autors: Er ist Astronom. Alles was er erzählt, ist für sich genommen plausibel. Wenn man a kann, kann man natürlich auch b. Und ich freue mich wie ein kleines Kind, wenn ich Stellen lese, wie Und es wirken 20 G_e auf sie. Naja, fast zumindest.

Ein durch und durch tolles Buch, auch wenn der deutsche Titel wieder mal das Letzte ist. Century Rain passt thematisch viel besser zur Story. Und hört sich schöner an.
Alastair, das mit dem Dialogenschreiben üben wir auch noch mal, ja? Die sind nämlich alle samt ziemlich schwach
Trotzdem: Tolles Buch, schöne Erzählweise, noch schönere Idee der Geschichte.
Und kann ein Buch schlecht sein, das mit dem Kapitel 42 aufhört?
Eben.
Bei amazon.co.uk kann man übrigens etwas in der englischsprachigen Ausgabe schmökern.

5 Gedanken zu „Rezension: Alastair Reynolds – Ewigkeit

  1. Hi Andi!
    Vielen Dank für deinen Kommentar 🙂 Ich glaub, bisher kannte ich noch keinen anderen aachener Blogger (obwohl ich mich eigentlich immer noch als Münsteranerin sehe!). Vielleicht läuft man sich ja wirklich mal über den Weg, das Apollo ist ja schon ganz cool 🙂
    Schöner Blog by the way 🙂
    LG und einen guten Start nach den Ferien!
    Vreni

  2. Das mit den Dialogen stimmt schon, und mit subtilen Charakterbeschreibungen hat er es meiner Ansicht nach auch nicht so, obwohl er sich in Century Rain wirklich Mühe gibt. Aber eine blühende Fantasie hat der Mann, das muss man ihm lassen.

    Kennst Du »Unendlichkeit« und »Die Arche«? Was die Physik angeht, ist die da noch viel abgefahrener, aber für mich als Laien immer noch alles schön glaubhaft.

  3. „Die Arche“ habe mich mir jetzt auf meinen Amazon Wunschzettel gesetzt … habe vorher noch ein paar andere Bücher zu lesen, aber an die beiden hatte ich auch gedacht, als ich meine Buchagenda skizzierte ;).

  4. Das war mein erstes, richtiges Science Fiction Buch, so weit ich mich erinnern kann, und es hat mir sehr gut gefallen. Ich wäre wohl etwas geschockt, wenn es in gut 250 Jahren in unserem Universum zugehen würde. Aber vielleicht haben wir uns bis dann ja sowieso alle selbst vernichtet.
    Die Dialoge finde ich übrigens garnicht so schlecht.
    Gutes Buch, weiterempfehlen!

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