Rezension: Frank Schätzing – Tod und Teufel

Einer dieser typischen, bitterkalten Herbsttage in Köln 1260. Der Wind fegt durch die Bäume, die letzten sommerlichen Sonnenstrahlen gehen immer früher am Horizont unter.
Jacop, seines Zeichens professioneller Dieb, streift durch die Straßen der westlichen Großmetrople mit einem Ziel: Er möchte die schmackhaften Äpfel des Erzbischofs Konrad von Hochstaden klauen. Kein leichtes Unterfangen. Sie hängen hoch und sind nur für geübte Kletterer erreichbar. Doch für Jacop kein Hindernis – immerhin nennt man ihn nicht umsonst „den Fuchs“.
Wie der rotschöpfige Jacop da so auf den Ästen des Baumes balanciert und sich Tasche um Tasche mit dem begehrten Gut vollpackt wird er Zeuge etwas Unglaublichens. Er blickt gerade auf die Baustelle, auf der der neue Dom zu Köln gebaut wird, als von den bereits stehenden Mauern eine Person herunterfällt. Eine zweite Personen, groß und stattlich wie der Teufel, scheint ihn gestoßen zu haben. Natürlich passiert, was in so einer Situation passieren muss: Jacop rutscht aus, fällt vom Baum und wird vom Teufel augenscheinlich gesehen. Doch bevor er weglaufen kann macht die zu Boden gefallene Gestalt auf sich aufmerksam. Als Jacop näher heran tritt erkennt er, wer dort liegt: Es ist Gerhard Morart, der Dombaumeister. Er haucht Jacop letzte Worte ins Ohr, bevor er dahinscheidet.
Von allen Seiten kommen Menschen herbeigestürmt, die den bitterlichen Aufprall Gerhards mitbekommen haben. Jacop tut, was er am Besten kann: Er rennt weg.

Das ist der Ausgang von Tod und Teufel, der Geschichte rund um das Mittelalter, die verschiedenen Stände im Gesamten und im Speziellen, die Macht der Kirche und die Jagd nach Dämonen. Natürlich darf auch eine klitze-kleine Liebesgeschichte nicht fehlen, die allerdings einen untypischen Ausgang hat (Was sie nicht schlechter macht!).

Auf der Flucht vor dem Teufel werden Jacops Freunde ermordet. Alle beide. Doch er findet Schutz bei der hübschen Färbertochter Richmodis, die ihm und seiner Geschichte über die Ermordung des Dombaumeister zu seiner Verwunderung Glaube schenkt. Denn die ganze Welt um ihn herum ist bestürzt von Gerhards Selbstmord. Richmodis stellt Jacop dem schlauen Jaspar vor und zieht ihn auch auf seine Seite. Jetzt heißt es: Den Mord beweisen und selbst nicht ermordet werden. Besonderes letzteres erscheint als echtes Problem.

Auf fast 500 Seiten wird in diesem spannenden und fesselnden Krimi die Welt des mysteriösen Mittelalters ausgebreitet. Wie so häufig vorher, gelingt es auch jetzt wieder dem Autor Schätzing fernliegende Themen interessant und massentauglich aufzuarbeiten.
Denn wahrlich bin ich kein Fan des ganzen Mittelalterkrams. Burgen fand ich immer zu derbe und dreckig, Schlösser zu spießig und oberflächlich. Dieser Ritter-Herzog-König-Papst-Komplex war nicht meine Baustelle (Übrigens sicherlich auch ein Grund, warum mir „Die Säulen der Erde“ überhaupt nicht gefallen hat). Deswegen zögerte ich auch einige Zeit bevor ich das letzte, mir in meiner Schätzing-Sammlung fehlende Buch zulegte. Irgendwann dann, unter einem dieser vielbeschworenen Anfälle spontaner Spontanietät klickte ich dann aber den „Bestellen“-Button. Und bereue nichts.
Ich bin begeistert wie das Mittelalter zwar auf seine ungnädige, verlogene und brutale Art dargestellt wird, Schätzing aber auch gleichzeitig das Verständnis und vor allen Dingen das Backgroundwissen direkt dazuliefert. Man liest Seite für Seite und auf einmal findet man sich, unbemerkt, in einer Geschichtsstunde wieder und erfährt spielend von Kreuzzügen und Machtverhältnissen. Alles sehr lebendig und ganz ohne vor-Langeweile-einschlafen wie damals in der Schule.
Natürlich tragen auch die Charaktere einen Großteil dazu bei. Schätzing etabliert mit jeder Person einen gänzlich unterschiedlichen, aber für die damalige Zeit absolut repräsentativen Figur. Jacop, mehr-oder-weniger Obdachloser und Dieb. Zieht von Stadt zu Stadt. Klaut aber nicht, um sich zu bereichern, sondern um zu überleben. Um seinen Hunger zu stillen. Stellt sich dabei immer schlau an, ist gerissen und flink. Sein statusbezogener Gegenpol ist Jaspar Rodenkirchen. Er ist berufsmäßig schlau und gebildet. Ist Physikus und Dechant. Klar, dass die zwischen den beiden stattfindende Beziehung sehr viele interessante Gespräche hervorbringt. Auf der dunklen Seite der Macht ist neben unzähligen Adeligen, die um ihre Macht fürchten, besonders Urquhart. Der Mensch mit Namen, bei dem ich mich immer verlese, kam als gefühltskalter Schlechter aus einem Kreuzzug zurück und tötet seitdem für Geld so ziemlich alles.
Natürlich durchmischt auch in Tod und Teufel Schätzing wiedermal brilliant Fakt und Fiktion. Der Dom zu Köln existiert wirklich, klar, aber auch Dombaumeister Gerhard starb wirklich auf seltsame Art. Das Urquhart Castle steht in seinen Ruinen immernoch in Schottland. Wo die Vermischung aufhört, mag ich als Geschichtslaie nicht sagen, aber merke ich es auch überhaupt nicht in der Geschichte. Das passt alles. Wackelt. Hat Luft.

Wieder einmal also ein begeisternder Krimi mit solidem Background und einigen Realitätsbezügen Schätzings.
Will mehr.

5 Gedanken zu „Rezension: Frank Schätzing – Tod und Teufel

  1. Klingt gut. Im ersten Moment hats mich zwar etwas an die „Säulen der Erde“ erinnert (was mir übrigens auch gar nicht gefallen hat), scheint aber doch interessanter und spannender zu sein 😉

  2. Ich hab es als Hörspiel „gelesen“, war auch begeistert. Vor allem wenn man sich ein wenig in Köln auskennt, findet man sich irgendwie direkt dabei.

Kommentare sind geschlossen.