Rezension: Frank Schätzing – Lautlos

Diese aus traditionsgründen äußerst professionelle Episode atemberaubender Rezensionen verfügt über eine außerordentlich lange Einleitung. Zum Überspringen dieser bitte dem weißen Hasen folgen. Danke.
Der ein oder andere mag durch die undigitale Buchhandlung seines Vertrauens marschiert sein und sich über ein neues Display mit ganz viel „Der Schwarm„-Exemplaren gewundert haben. Eins als Taschenbuch, eins als Hardcover, eins in weiß, eins in… Moment… weiß? Falsch, kein Der Schwarm. Das weiße Buch, ist nämlich die Faktengeschichte zum Buch. Das, was Schätzing dazu recherchiert hat. Aber dann ist da noch ein weiteres Buch. Auch in schwarz, aber anstelle des blauen Auges in der Mitte ist da zwar etwas, was sehr ähnlich aussieht, sich bei genauerem Hinsehen aber als blaugrünes Triebwerk von vorne entpuppt.
Außerdem steht da was andres drauf.
Lautlos.
Der Verlag Schätzings versucht auf den Hypezug um Der Schwarm aufzuspringen und ein altes Buch neu zu veröffentlichen – mit komplett neuem, an das Der-Schwarm-Cover angelehnte Artwork.
Trendsettig wie ich bin, erstand ich das 2000 erschienene Buch schon letzten Sommer, zwar bei Kauf noch in der Annahme, das absolut Neueste von Schätzing in der Hand zu halten, aber egal – wie sehr mir Der Schwarm gefallen hat, so sehr wollte ich mehr von Schätzing lesen. Letzter Sommer? Lange her?! Warum ich erst jetzt darüber schreibe? Das liegt daran, dass ich anfänglich wenig Motivation hatte, das Buch zu Ende zulesen. Es zieht sich bis dahin nämlich.
Nicht zu knapp.
Aber first things first.

Es seien vorgestellt: Dr. Liam O’Connor. Seines Zeichens exzentrischer Wissenschaftler (Physiker), überzeugter Alkoholiker, Ire, Nobelpreiskandidat, Buchautor, Womanizer Frauenheld. Kika Wagner. Groß, heiß, Aufpasserin. Franz Kuhn. Alter Freund OConnors, penibel, verschlossen, ernst. Auch irgendwie Aufpasser.

Um sein neues Buch zu promoten kommt OConnor nach Deutschland. Genauer: Nach Köln. Vor ihm steht ein straffes Programm von Reden, Signierstunden und furchtbar wichtigen Treffen. Auf seinen Reden soll er besonders über seine Nomination zum Nobelpreis reden. Das Licht hat er abgelenkt. (Als sei das was besonderes, die Sonne macht das täglich! Aber ich schweife ab…) Auf seinen Plauderrunden soll er sich mit der Wirtschaft anfreunden, und dabei ganz gegen seine Gewohnheit nicht ausfallend werden. Auf seinen Signierstunden soll er den Fans, die ihn reich haben werden lassen, etwas zurückgeben. Dass er zu all dem nicht zu spät kommt, nicht völlig betrunken erscheint und sich auf diesen Festlichkeiten benimmt, dafür ist Wagner zuständig. Sie bildet für ein paar Tage, neben Lektor Kuhn, seinen Schatten und folgt ihm überall hin. Long story short: Frauenheld und von ihm angezogene (… noch. Haha, grandios. Danke, danke.) Frau mehrere Tage eng beieinander, das riecht ja förmlich schon nach heißen Liebesnächten und wildem Kaffeetrinken. Und: tatsächlich. Die Quotenliebesnebengeschichte ist bei Lautlos dabei. Natürlich happy ending (Haha, verraten!). Aber durchaus nett und im gewissen Maße außergewöhnlich.

Das ist aber noch lange nicht alles.
Denn just in der Woche, in der OConnor seine Buchtour durch Köln macht, ist dort auch der 1999er G8-Gipfel in Köln. Eindrucksvoll und detailreich schildert Schätzing den Belang des Gipfels, wie sich die Stadt darauf vorbereitet, wie Kanaldeckel zugeschweißt werden, wie sich die deutsche Polizei dem Secret Service unterordnen muss. Wie sich die Bürger freuen. Anfangs.

Doch Lautlos fängt eigentlich anders an.
Ein unbekannter Auftraggeber, später als das Trojanische Pferd benannt, beauftragt den Ultrabösewicht Mirko damit, einen Plan auszuarbeiten, um jemanden umzubringen. Wir wissen an dieser Stelle noch nicht, wer der glücklichearme ist, doch kriegen wir schon mit: Es ist ein ganz großer. Mirko besorgt sich seinerseits Hilfe von der Ultraultrabösewichtin Jana, alias Sonja Cosic, alias etc., und ihrem Bösewichtenteam. Zusammen tüfteln sie einen Anschlag aus, der wieder mal für uns im Dunkeln bleibt, wir aber ziemlich geschickt am Rande seine Auswirkungen und seine Komplexität erfahren. Klar ist: Es findet auf dem G8-Gipfel statt.
Und so kommt es, wie es kommen muss: Die Geschichte um Jana und den Anschlag und die des genialen Physikers OConnor kreuzen und vermischen sich. Irgendwann ist es an OConnor (und auch Wagner) die Weltden Politiker zu retten.

Und erst als ich in die Nähe dieser Stelle des Buchs kam (ich tippe auf Hälfte), konnte ich mich schließlich für das Buch begeistern und legte es nicht alle paar Seiten zur Seite. Vorher benutzt Schätzing zwar seine aus Der Schwarm schon bekannte Parallelgeschichtenerzählweise, doch war sie dort wohl in Version 2.0 hier jedenfalls eher beta. Die Einleitung war einfach viel zu lang, zu lang gezogen und zu langweilig.

Als die Geschichte dann aber an Geschwindigkeit gewann, ich Stück für Stück in den Plan eingeweiht wurde, seine Entwicklung, Durchführung und letztendlich, entschuldigt diesen Vorgriff, den Versuch seiner Vereitelung (fieses Wort – hört sich ja stereotypisch an wie Eiter auf chinesisch) mitbekommen und dabei mitfiebern durfte; da wurde ich gut unterhalten, das machte Spass und das war es auch, was ich von Schätzing irgendwie erwartete. Da war es ein gutes Buch.

Wieder einmal begeistert bin ich davon, wie Schätzing Fakten und Fiktion vermischt. Auf einem wirklich passierten G8-Gipfel, nach einem wirklich durchgeführten Krieg gegen den Kosovo wird durch wirklich, wenn auch nicht in dieser Form vorhandene Waffen versucht, ein medienwirksames Verbrechen durchzuführen. Manchmal erschreckend. Aber immer unterhaltend.
Und dann tatsächlich noch eine Prise Verschwörungstheorie. Wow.

Lautlos ist ein Polit-Thriller, der zwar politisch ist und sich mit einigen kulturellen Problemen auseinanderzusetzen probiert, aber der auch für den politisch uninteressierten Menschen lesenswert, weil durchaus spannend, ist.
Anfangs zieht es sich, doch heißt es da durchhalten.
Es wird besser.
Bestimmt.

Und wenn ich groß bin, möchte auch mal so sein wie O’Connor. Inklusive Nobelpreis. Und ich hätte auch gerne einen YAG für die ein oder andere Gelegenheit in meiner Garage stehen. Danke.

4 Gedanken zu „Rezension: Frank Schätzing – Lautlos

  1. na, sieht ja ganz danach aus, als wuerde’s dann nix werden mit unserem swaporama. denn wenn du werden willst wie o’connor, dann muss du natuerlich jederzeit „lautlos“ zugreifen können.

    tolle rezension. in unserem literaturkritikkurs hättest du volle punktzahl bekommen. ganz sicher.

    gerade jetzt fällt mir ein: ich finde deinen blog SCHÖN. den gruen ist meine lieblingsfarbe.

    zu den pfadi einträgen: bleibt man sein ganzes leben lang pfadi?

    lieben gruss aus finnland, mit deutscher sprache im herzen und schwedischer musik in den ohren und russischem sturm draussen vorm haus.

  2. Hatte dir letztes Mal wegen des Buchswaps gemailt… Ich will nämlich eigentlich alle meine Bücher behalten ;p

    Danke, danke. Bei Zeiten komm ich das mal einwerfen bei dir im Kurs ;).

    zu grün: Ich bin seit hmm naja 4 Monaten daran, mein BLog umzugestalten, weil mir langsam das grün langweilig wird :). Aber das dauert sicherlich nochmal so lange bis das fertig ist…

    Pfadi: Ja, sein ganzes leben lang :). Tief im Herzen zumindest :). Und sonst kannst du jeder Zeit abhauen.

  3. Hallo Herr Schätzing! Ungefähr ab der Mitte des Buches wurde es interessant. Leider mußte ich einen Fauxpas entdecken, der mir zeigt, daß Ihre Physik-Kenntnisse erweiterungsbedürftig sind:

    Im Kapitel „YAG“ lese ich auf Seite 463, daß die FREQUENZ des Lasers zu einem bestimmten Zeitpunkt 1,6 mikrometer betrug. Die Frequenz wird immer in HERZ (Schwingungen pro Sekunde) gemessen. Bei dieser Größenangabe kann es sich nur um die Wellenlänge handeln. (Lambda)

    Lambda = Lichtgeschwindigkeit / Wellenlänge

    Vielleicht als Korrekturhilfe für weitere Ausgaben.

    MfG Gerd Kache

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