Wie Putzfrauen mit Mülleimern das Kapitalistische System stürzen wollen

Beim Entfernen des ersten Mülls heute auf eine Neuerung unserer Putzfrau aufmerksam geworden. In ihrer wöchentlich nächtlichen Putzaktion scheint sie, gleich einer Rebellin gegen das Gewohnheitsregime, anarchistischer Art diese Woche einen zweiten Mülleimer, pardon, Restmüllverwertungsbehälter an die bis gestern noch unberührte Stelle eingeschleust zu haben.
Ein Zur-Rede-Stellen brachte einen Grund zum bürolichen Tageslicht, den sich nur eine planend denkende Rationalistin ausgedacht haben kann: Der Mülleimer wäre immer so schnell voll.
Aber nicht mit mir. Natürlich habe ich den Angriff auf unser Arbeitswesen erkannt.
Ich ging der Sache nach, betrachtete in penibelster Sorgsamkeit alle Fakten und bin zu einem Ergebnis gekommen: Die Dame der Reinigungsabteilung plant den Sturz des Kapitalistischen Systems, einhergehend mit der Verwirrung des gemeinen Büroarbeiters. Wahrscheinlich ist sie dabei nicht allein.
Hier meine Beweise.
Da wäre zum einen der erhöhte Zeitfaktor. Beim Gang zum Restmüllverwertungbehälter kann nun nichtmehr ‚einfach nur weggeschmissen‘ werden. Erst muss die deliriumartige Hypnose und Verscheuklappung auf die Arbeit aufgelöst werden. Als nächstes steht der Restmüllverwertungsbehälternutzer vor der Frage die schier sein Leben für den Moment zu bestimmen scheint. Rechts oder links? Vorne oder hinten? Also: Welchen von beiden soll ich nehmen? Im ersten Moment scheint keiner der beiden besser oder schlechter zu sein. Das macht das Ganze aber nur im oberflächlich einfacher. In Wirklichkeit muss nun irgendwo in dem bis eben noch von Arbeit, komplexester Art, gefluteten Gedächtnis etwas Platz freigeräumt werden, in denen Nervenzellen unter hitzigen Diskussionen ein rationales Abwägen abhalten können (Bitte stellen sie sich jetzt kleine Nervenzellen mit einem Glas Cognac und einer Zigarre beim Pokern wild umherschreind vor, danke). Das Computerproblem von Frau Hinterwaldler ist schon längst vergessen. Aber auch das rationale Abwägen wird bei gleicher Ausgangssituation beider Eimer nicht wirklich zum erwünschten und -hofften Erfolg bringen. Also müssen die Nervenzellen ihre Runden beenden und in den Emotionalraum gehen. Welcher gefällt besser? Welcher stimuliert besser die Empfinungen? Ihr merkt, ein verdammt komplexer Vorgang der in diesem Moment abläuft und nicht nur jeglichen Arbeitsgedankenraum verdrängt, nein, auch verdammt viel Zeit kostet.
Wie genau der Restmüllverwertungsbehälternutzer jetzt zum Ergebnis kommt, erschließt sich mir noch nicht ganz. Wahrscheinlich bedarf es dazu komplizierter Studien hochbezahlter Neurowissenschaftler. Aber den Gefallen tu ich der Reinigungsfachkraft nicht.
Der Nutzer hat sich nun, final entschieden und seinen Müll entsorgt. Er muss folgend zum Arbeitsplatz und sich unter stärksten körperlichen aber viel mehr geistigen Anstrengungen wiederum in seine Hypnose hereindenken. Frau Hinterwäldler, genau. Was war da noch gleich?
Ein Bruch des Arbeitsflusses der seines Gleichen sucht.
Und Geld kostet. Nehmen wir mal an, ein Gang zum Mülleimer dauert jetzt 30 Sekunden länger, für Aus-Arbeitshypnose-aufwachen – Gehen – Entscheiden – Entscheiden – Wegwerfen – Gehen – In-Arbeitshynpose-fallen; abhängig von der Flexibilität des Nutzers, der Entfernung der Mülleimer untereinander und der Gerissenheit der Guerillaputzfrau ein guter Durchschnittswert (empirisch ermittelt!). Natürlich spielt für meine folgende Hochrechnung auch die Häufigkeit eine Rolle. Hat der Restmüllverwertungsbehälternutzer eine Erkältung oder ähnliches, so erhöht sich die Zeit prozentual. Gehen wir, der Einfachheit halber von sechs Gängen aus.
Dann braucht allein ein Restmüllverwertungsnutzer pro Tag ca. 3 Minuten nur für Restmüllverwertungsbehälterbesuche. Macht in der Woche 15 Minuten, im Monat damit eine Stunde. Nun summiert sich diese ausgefallene Arbeitszeit bei zunehmender Unternehmensgröße. Betrachten wir eine Firma mit 100 Personen. Im Monat also 100 Stunden Ausfall. Das schließt vorrübergehende Ansteigungen aufgrund von Gesundheitsepidimien im Winter und Schweißtücher im Sommer noch nicht ein.
Ein riesiger Posten der für eine Firma durchaus kritische Folgen haben kann.
Nun erwähnte ich bereits die Gerissenheit der Guerillaputzfrau. Stillschweigend hab ich also angenommen, dass dabei nich nur eine, nämlich unsere Reinigungsfachkraft involviert ist, nein, es sind wesentlich mehr Desarteure verwickelt, die alle auf ihre eigene Art mehr oder weniger das System schädigen.
Bei uns scheint es sich um ein besonders gerissenes Exemplar zu handeln. Ja, ich möchte sogar soweit gehen, dass es sich hier um den Kern einer Zelle oder sogar noch etwas Innererem handelt.
Denn besagte Reinigungsfachkraft stellte nicht etwa zwei gleiche Restmüllverwertungsbehälter an vorher idyllisch besiedelte Stelle, nein, bei den corpus delictii handelte es sich um zwei verschiedenfarbige Plastikbehältnisse, einer blau, einer gelb. Nun mag vermutet werden, dass dadurch zumindest der emotionale Gedankengang positiv beeinflusst werde, immerhin hat ein jeder eine Lieblingsfarbe und jede Farbe einen eigenen Stellenwert. Doch wird dieser verkürzte Emotionsraum (s.o.) durch einen anderen ersetzt. Welche Farbe ist besser? Welche ist richtiger? Haben sie etwas zu sagen? Verdorbener Restmüll nur in den blauen Eimer? Bananenschalen in den Gelben? Die gelbe Brottüte in den Gelben? Und das Worst-Case-Szenario: Was geschieht beim umdekorieren des Büros mit der Schwedenfahne?
Der Zeitfaktor steigt ins schier unendliche des Mikrokosmos.
Der geneigte Leser stellt also fest: Kleine Änderung, verdammt große Auswirkungen.

Doch natürlich können diese Auswirkungen vermieden werden. Ich habe eine Problemlösung, die durch ihre Gerissenheit die der Reinigungsfachkraft um Längen übersteigt.
Führen sie folgende Reglementierungsoperation durch: Stellen sie beide Restmüllverwertungsbehälter ineinander, nachdem sie vorher den Inhalt des später Unteren in den später Oberen entleert haben.
Sollte aufgrund unterschiedlicher Passformen dies nicht möglich sein, empfehle ich ihnen folgende Promotionveranstaltung:
Gehen sie auf den Firmenparkplatz, nehmen sie sich den zweiten Restmüllverwertungsbehälter und verbrennen sie ihn. Rufen sie dabei „NEHMT DiES, PUTZFRAUEN!“.