Rezension: Frank Schätzings „Der Schwarm“

Nach dreiwöchigen suchtähnlichen Lesens vom schwarzen „Der Schwarm“ von Frank Schätzing, durfte ich meinen gelittenen Nerven am Sonntag endlich die erhoffte Ruhe gönnen. Nach immer schnelleren Szenenwechseln, immer spannenderen Handlungsänderungen fand das Buch sein Ende. Ich war fertig.
Besonders angetan hat es mir die (pseudo-?)wissenschaftliche Grundlage die Schätzing allen Erklärungen, vielen Handlungsketten und den meisten Dialogen zu Grunde liegt. Man merkt seine dreijährige Vorbereitungsphase, die sich schließlich im Dankwort zum Ende deutlich macht.
Würmer, besiedelt von Bakterien, schaffen das Unmögliche: Einen Berghang vor Skandinavien abrutschen zu lassen. Das hat einen Tsunami zur Folge. Der Zerstört einzelne Personen und nationale Infrastruktur. Klingt logisch, ist auch so. Die Grenzen zwischen Fiktion, fiktiver Realität, reeller Fiktion, potenzieller Realität und reeller Realität verwischen erschreckend ungemerkt und subtil.
Man mag ihm vorwerfen können, die Ausdrucksweise und Sprache hätten unter einer übermächtigen Wissensprotzerei gelitten. Andersrum hätte er ein flaches Buch überschwänglichen Sprachgebrauchs geschrieben. Dann doch lieber so rum. Besonders für den Standardastronomischwissenschaftlich interessierten Gelegenheitsleser von Texten unter 60Hz.
Aber die Geschichte ist nicht nur Wissenschaft. Sie ist auch romantische Geschichte, Geschichte mit tieferen Hintergrund der Hauptcharaktere, mit Problemen des Alltags und außergewöhnlicher Tage. Zwei über die anfängliche Hälfte parallel handelnde Handler, Johanson und Anawak, haben beide ihre eigenen Probleme im auch so schon viel zu komplizierten Tagesleben. Johanson, Wissenschaftler in Trondheim, Frauen- und Weingenießer, kann sich nicht entscheiden. Bei Weinen schon, bei Frauen aber nicht. Bei Anawak ist es ähnlich: Er ist Verhaltensforscher in seinem Spezialgebiet Wale, arbeitet als Whale Watcher und weiß nicht, wo er herkommt und wohin er gehen will. Beides Männer, deren Probleme unterschiedlich und doch gleich sind, die sich, soviel mag verraten sein, am Ende allesamt auflösen.
Und das ist auch mein einziger Kritikpunkt des Buches. Auflösen. Vielleicht liegt es an meiner naiven Friedlebigkeit, aber die Sterberate war nach meinem Geschmack zu hoch. Wichtige, weil näher kennengelernte Figuren sterben einfach so, mir nichts dir nichts. Das geht doch nicht. 515, Abs. 4 des Filmhandlungsgesetzes: „Leute, zu denen der Rezipient eine starke Bindung aufbaut dürfen nicht sterben. Besonders nicht brutal.“
Oder vielleicht macht auch das gerade den Reiz des Buches aus.
Tabubruch mit allem, was bisher stillschweigend konstituiert war. Liebgewonnene Menschen sterben einfach so. Plötzlich erscheint möglich, logisch und zukünftig unausweichlich, dass auch Europa unter einer Riesenwelle begraben wird. Und wir Menschen sind dafür verantwortlich, ob direkt oder indirekt, was spielt das dann noch für eine Rolle. Unser Gedächtnis ist nicht das höchste der Evolution, wir sind nur eine Laune der Natur. Oder Gottes? Aber Gott gibt es nicht, und das erklärt er verdammt logisch.
Hoffen wir, dass das Buch ein amüsanter, aufklärender und actionreicher Ökosciencefiction bleib, und alles andere Yrrglaube.
Lesen lohnt!

16 Gedanken zu „Rezension: Frank Schätzings „Der Schwarm“

  1. Vielen Dank für diese Rezession. Ich werde mich das Buch kaufen. Hört sich nach einer Mischung von Michael Crichton und Greg Iles an.
    Wenn dir Bücher am Herzen liegen in denen die Charackteren schlimmes durchmachen müssen, dann empfehle ich dir dieses Buch zu lesen.

  2. Ohje, das hört sich auch schon wieder so düster und böse und sowieso an. Werde erstmal mein bereits vorbestelltes Dan Brown – Diabolus lesen, der ist, so erwarte ich zumindest, schön nullachtfünfzehn.

  3. oh meinn Gott!!
    Wie kann man das Buch nur lesen??
    Ich muss (Schule).Das Buch hat 989 Seiten.
    ich werde mir das Hörbuch anhören!!
    Bin ich blöd und lese 989 Seiten!!
    Der Schwarm ist stinklangweilig!!!!!!!!

  4. Zu Lauras Beitrag möchte ich sagen, dass es ihr wohl nicht schaden würde, einen etwas längeren
    Atem beim Lesen dieses weltweit gelobten Buches zu entwickeln.
    Die 989 Seiten habe ich in 1 Woche gelesen – von Langeweile keine Spur! Wahrscheinlich hat Laura
    nur angelesen und mag ihren Lehrer nicht besonders. In 10 Jahren würde sie über ihren Beitrag
    vielleicht selbst den Kopf schütteln…nach einem freiwilligen zweiten Lesen…

  5. Hi,
    ich lese das Buch auch gerade und muss sagen, so richtig vom Hocker haut es mich nicht. Kann Laura verstehen und vielleicht liest sie in 10 Jahren ebensolange Bücher die aber mehr Substanz haben. Ob ein Buch dick oder dünn ist sagt ja nicht unbedingt was über die Qualität aus. Jedenfalls ich werde es zu Ende lesen, ist ja immerhin ganz unterhaltsam, aber mehr leider auch nicht. Um nicht ganz negativ rüber zu kommen: Der Autor versteht sein Handwerkszeug und weiß den Leser bei der Stange zu halten.

  6. An diesem Buch scheinen sich die Geister zu scheiden. Ich gehöre zu denen, die es für überwiegend „schwachsinnig“ halten. Aber mal der Reihe nach: Ich habe an SF-Thrillern ala Alien oder Groschenromanen wie Captain Future aus den 30er Jahren nichts auszusetzen. Im Gegenteil, ich bin sogar ein großer Freund des Genres und Captain Furture ist mit Sicherheit eine vergessene Perle der „Schundliteratur“. Schließlich ist mir als Leser stets bewusst, das vieles unrealistisch und eben „fiction“ ist. Den Anspruch auf Realitätsnähe verfolge ich also gar nicht erst. Dann gibt es Geschichten, die spielen sich in der realen Welt ab. Und hier stören mich dubiose Ungereimtheiten ganz erheblich. Frank Schätzing befindet sich genau dazwischen. Man fängt an zu lesen und hält die beschriebene Welt zunächst für real und die Erklärungen für die im Buch auftretende Phänomene für wissenschaftlich korrekt. Langsam aber sicher wird´s dann aber plötzlich völlig abgedreht. Aliens in der Tiefsee ist ja als Plot gut gedacht (immerhin ist die Mondoberfläche besser bekannt als die Tiefsee, hier ist also viel Raum also für Phantasie), aber reale Welt, wissenschaftliche Ansätze und Fiktion so zu vermengen, dass niemand mehr durchblickt halte ich für eine phantasielose Verballhornung des Lesers. Ich würde mir wünschen Schätzing hätte nicht so offensichtlich bei Wissenschaftsthemen gewildert, um sich den Anschein eines „Gelehrten“ zu geben, sondern offen und ehrlich eine SF-Geschichte geschreiben und mehr an seiner Phantasie gearbeitet. Dass er lange Recherchiert hat ist ja löblich, die von ihm beschriebenen Fakten scheint er dabei aber kaum geistig durchdrungen zu haben. Alles wirkt irgendwie „eingeklebt“ und dem Plot gemäß „frisiert“.
    Eines will ich ihm aber zugute halten: Ich habe von deutschen Touristen gehört, die durch „Der Schwarm“ ausreichend informiert/sensibilisiert die Flutwelle in Südostasien überlebt haben. So gesehen lasse ich das Buch gerade noch durchgehen und hoffe, dass Frank Schätzing an seinen Fähigkeiten als Autor arbeitet. Seine Grundgedanken sind ja in Ordnung, nur die Umsetzung ist eben sehr holprig bzw. trivial.

  7. Han, mir gefällt genau dieses Verweben von Fakt und Fiktion. Dass das an manchen Stellen ein bisschen holprig ist, das gebe ich gerne zu, stört mich aber nicht. Macht das ganze eigentlich nur sympathischer.
    Aber natürlich kann ich auch verstehen, wenn einem das nicht gefällt. Besonders wenn man einen cleanen Science-Fiction erwartet hat.

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